MODEWÖRTER

 

I. GESCHULDET

Unter den Modewörtern ist mir "geschuldet sein" besonders zuwider. Es hat sich seit 2000 oder etwas später epidemisch bis in die Belletristik ausgebreitet. So liest man etwa in dem Kurzroman "Menu d'amour" von NICOLAS BARREAU (Pseudonym der Verlagsinhaberin Daniela Thiele):

"Die Intimität jenes Nachmittags, die in erster Linie einem toten Cockerspaniel geschuldet war, sollte sich nur noch einmal wiederholen."

Es stellen sich folgende Fragen:

       Wie hätte man vor 2000 formuliert?

       Drückt "geschuldet sein" einen Sachverhalt präziser oder eleganter aus, als es bisher möglich war? Besteht also ein echter Bedarf für dieses Wort?

       Warum hat sich dieser Ausdruck so schnell verbreitet?

Vor Erscheinen des Modewortes hätte der Relativsatz etwa gelautet: die durch einen toten Cockerspaniel entstanden war oder die ein toter Cockerspaniel bewirkt hatte. Es zeigt sich bereits hier der Verdacht, daß "geschuldet sein" auf bequeme Weise eine Reihe anderer Ausdrucksweisen ersetzt, von denen man je nach Zusammenhang auswählen müßte. Die schnelle Verbreitung ist also der bequemen subsummarischen Verwendungsweise geschuldet, d.h. durch … bedingt. Das Verb sein und der simple Dativ umgehen kompliziertere Konstruktionen, z.B. Präpositionalwendungen.

Die weiteste Bedeutung, die man dem Ausdruck "geschuldet sein" beilegt, ist der Grund oder die Ursache sein für, z.B. Jorias Unkenntnis ist ihrer Häuslichkeit geschuldet (aus Internet): Der Grund für Jorias Unkenntnis ist ihre Häuslichkeit.

Das Verb "schulden" hat die Bedeutung "verpflichtet sein" und bezieht sich auf Materielles und Ideelles: Ich schulde Dir Geld, Wir schulden ihr Dank. Passive Verwendung dürfte sehr selten sein: Ihm wird von allen Dank geschuldet.

Legt man für "geschuldet sein" die Bedeutung "verpflichtet sein" zugrunde, erweist sich der Satz Jorias Unkenntnis ist ihrer Häuslichkeit geschuldet als widersinnig: Wegen ihrer Häuslichkeit fühlt sich Joria verpflichtet, in Unkenntnis zu bleiben. Es ist daher dringend zu empfehlen, das Modewort "geschuldet" zu ächten.

 Der Modeausdruck geschuldet sein schwächt durch Interferenz die Ausdruckskraft des Verbs "schulden" und die Fähigkeit, bewährte Ausdrucksmittel differenziert anzuwenden. Er trägt zu einer Verarmung der Sprache bei.

Wer ein Modewort verwendet, gibt damit ein Maß an Eigenständigkeit und moralischer Verantwortung  an ein Kollektiv ab, fühlt sich von ihm bestätigt oder im Gewissen beruhigt. Er meint damit, einen Fortschritt des Denkens und der Lebenssicht gegenüber der Vergangenheit erzielt zu haben.

BEISPIELE

Ab März 2015 möchte ich Beispiele von "geschuldet sein" anführen, die ich in laufenden Zeitungen und Zeitschriften finde und sie so umschreiben, wie sie vor dem Aufkommen des Modeausdrucks formuliert worden wären. Ich beschränke mich meist auf eine einzige Wiedergabemöglichkeit.

Die allgemeinste Ausdrucksweisen sind "zurückzuführen sein auf", "zuzuschreiben sein", "verursacht sein durch", "bedingt sein durch":

Nur ein Drittel des Rückgangs (der evangelischen Mitglieder) sei der Wiedervereinigung geschuldet. Die Tagespost 3.3.15 S.5

sei zurückzuführen auf

Der Fehler ist offenbar einem Vertipper bei der Staatsanwaltschaft geschuldet. Oberbayerisches Volksblatt (OVB) 9.3.15, S.1 Vertippt

ist zurückzuführen auf; Der Grund für den Fehler ist …

Die Täuschung und Gängelung der Mitglieder in den unteren Graden waren Weishaupts Ziel geschuldet, das Individuum durch Erziehung bzw. Anregung zur Selbsterziehung und durch verborgene Leitung zu perfektionieren. Wikipedia, Illuminatenorden

hatten ihre Ursache in, waren bedingt durch, wurden verursacht

II. BELASTBAR

Ein Modewort möchte Aufmerksamkeit erregen und gibt sich den Anschein von neuer Ausdrucksfähigkeit, die angeblich Geist und Selbstbewußtsein der Gegenwart fordern. Wer mitreden möchte, wer gesellschaftsfähig sein will, der verwendet das neueste prestigefördernde Modewort.

Jedes Modewort hat seine besonderen Eigenarten. Das Modewort belastbar mit seinem Substantiv Belastbarkeit ist parasitärer Natur, da es ein bekanntes Wort usurpiert und ohne Rücksicht auf seine geschützte Bedeutung eine neue gibt. Es ist ein Symptom dafür, wie leichtfertig und gedankenlos und manipulativ mit dem kostbaren Gut der Sprache umgegangen wird.  

Das Adjektiv belastbar bedeutet laut Definition "geeignet, fähig, Belastung auszuhalten". Belastbarkeit kann sich auf Sachen und Personen beziehen, z.B. ein bis zu einem bestimmten Gewicht belastbares Fahrzeug, unterschiedliche körperliche und seelische Belastbarkeit von Mitarbeitern.

Im Oberbayerischen Volksblatt vom 28.7.2015 ist folgendes Zitat der Kriminalpolizei Bayreuth zu lesen:

"Wir gehen davon aus, dass es in den nächsten Tagen noch keine belastbare Ergebnisse zu erwarten gibt."

Unter "belastbare Ergebnisse" sind genaue, präzise, verläßliche, zuverlässige, stichhaltige, überzeugende Ergebnisse zu verstehen.

Die Verwendung eines Modewortes hat drei Auswirkungen:

       Der Benutzer erliegt allmählich dem Eindruck, es gebe keinen gleich treffsicheren Ausdruck.

       Ein Wort, das früher an Stelle des Modewortes verwendet wurde, wird als veraltet empfunden.

       Dem Benutzer gehen die synonymen Wörter in seinem aktiven Wortschatz verloren.

Die Belegung eines bekannten Wortes mit einer Modebedeutung bringt die herkömmliche Bedeutung in Bedrängnis, es entsteht eine mißtönende Interferenz. Ein bereits etabliertes Beispiel ist das Wort nachhaltig, dessen herkömmliche Bedeutung zur Synonymgruppe anhaltend, dauerhaft, fortwirkend gehört. Gebräuchlich ist die Ausdrucksweise "einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen". Das Wort wurde in den 90-er Jahren ausgewählt, um erneuerbare Energiequellen und nachwachsende Rohstoffe zu bezeichnen. Ein Sprecher kann heute die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr so unbefangen verwenden.

Ein Beitrag zum Modewort belastbar erschien im Hamburger Abendblatt.

III. JEMAND GEBEN

Ein Modeausdruck kann ein Zeichen von Unbeholfenheit und schlechtem stilistischem Geschmack sein, besonders wenn er sich epidemisch auf alle möglichen Situationen ausbreitet.  Im Oberbayerischen Volksblatt vom 1.8.2015 ist folgender Satz zu lesen:

"Cameron hat deshalb gar keine Wahl, als den Macher zu geben, der die Lage im Griff hat oder wenigstens in den Griff bekommt."

Das herkömmliche Verb ist spielen, z.B. den Unschuldigen spielen. In vorliegendem Satz ist bereits das Wort Macher ein tendenziöser Kraftausdruck. Stilistisch einwandfrei ist die Wendung "sich als etwas geben". In sachlicher Begrifflichkeit würde man also etwa sagen "sich Mann von Entschlossenheit/Entschlußkraft/Tatkraft zu geben/zeigen". Der Verfasser will offensichtlich beim Leser Eindruck schinden durch eine saloppe, draufhauende Ausdrucksweise.

 

Erstellt: Februar 2015 und fortlaufend

 

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