Was heißt: "aus Glauben zum Glauben"?

Textanalyse zu Römerbrief 1, 17

 

1.      Vers 1, 17 des Römerbriefs wurde berühmt durch Martin Luthers sogenannte "reformatorische Entdeckung". Dazu gibt es zwei literarische Bezugsstellen: Luthers eigene Erwähnung in seiner Vorrede zur Veröffentlichung seiner Frühschriften im Jahr 1545 und die Aufzeichnung eines Tischgesprächs aus dem Jahr 1532. Was "Gottes Gerechtigkeit" bedeutet, wird aufgrund bibelwissenschaftlicher Erkenntnisse heute anders gesehen als es Luther vermochte. In einer Textanalyse sind die Verse 16 und 17 zu betrachten. Sie sollen griechisch, lateinisch und deutsch dokumentiert werden:

ου γαρ επαισχυνομαι το ευαγγελιον.

Non enim erubesco evangelium.

Denn ich schäme mich nicht des Evangeliums.

δυναμισ γαρ θεου εστιν εισ σωτηριαν παντι τω πιστευοντι ιουδαιω τε πρωτον | και ελληνι.

virtus enim Dei est in salutem omni credenti Iudaeo primum et Graeco

 

Denn es ist eine Kraft Gottes hin zum Heil für jeden Glaubenden, zuerst für den Juden und (dann) den Griechen.

δικαιοσυνη γαρ θεου εν αυτω αποκαλυπτεται εκ πιστεωσ εισ πιστιν καθωσ γεγραπται:

iustitia enim Dei in eo revelatur ex fide in fidem sicut scriptum est:

Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben hin zum Glauben, wie geschrieben steht:

ο δε δικαιοσ εκ πιστεωσ ζησεται.

iustus autem ex fide vivit.

Der Gerechte wird aufgrund seines Glaubens leben.

2.      In seiner knappen Gedrängtheit bereitete Vers 17 nicht nur Luther Verständnisschwierigkeiten, sondern auch heute erschließt sich sein Sinn nur, wenn man ihn Schritt für Schritt und mit Geduld aus dem Textzusammenhang erschließt.

Zu betrachten sind die vier zitierten Sätze. Einleitend sagt Paulus, er schäme sich des Evangeliums nicht. Warum sollte er sich dessen schämen? Es handelt sich um eine doppelte Verneinung zum Zweck positiver Verstärkung und um eine geschickt gewählte Formulierung vor dem Hintergrund, daß Paulus einst das Evangelium leidenschaftlich bekämpfte, bevor ihm durch seine Bekehrung die umstürzende Bedeutung des Evangeliums bewußt wurde. Seine grundsätzliche Gegnerschaft hat sich in eine ebenso überzeugte Verkündigung des Evangeliums gewandelt.

Mit dem einleitenden Satz nimmt Paulus Anlauf für die Gewichtigkeit der nächsten Aussage. Sie wird besonders dadurch erreicht, daß die zentralen Begriffe Evangelium und Kraft (dynamis, virtus) einerseits nebeneinander stehen, andererseits zu zwei verschiedenen Sätzen gehören. Der zweite Satz wird so um den ersten Begriff entlastet und erhält damit eine größere Kompaktheit. Die beiden Sätze könnten auch als Frage und Antwort formuliert sein: Was ist das Evangelium? Es ist eine Kraft Gottes.

3.      Das Evangelium ist eine umwälzend neue Lehre vom Heil (soteria) des Menschen, seines irdischen und seines ewigen. Die Worte dieser Botschaft enthalten eine übernatürliche Überzeugungskraft für jeden, der sie hört. Jeder, der gewohnt ist, natürlichen Vernunftgründen zu folgen, wird die Worte des Evangeliums als einen mächtigen Antrieb verspüren, sie innerlich anzunehmen und sein Leben danach auszurichten. So kann in ihm der Anfang eines neuen Glaubens geboren werden.

Paulus verwendet eine nominale Satzbauweise, wenn er das Wort Kraft durch das Präpositionalattribut "hin zum Heil" (eis soterian) erweitert. In neutralem Sinn bedeutet eis die Bewegung auf ein Ziel hin, in zweiter Hinsicht einen Zweck, der sowohl Weg als auch Ziel umfaßt. Paulus wählt mit Bedacht eis soterian im Hinblick auf das spätere eis pistin.

Das Verb pisteuein bedeutet zunächst vertrauen, dann glauben. Der zweite Satz könnte demnach so umschrieben werden: Wer die frohe Botschaft kennenlernt, wird von ihr mit dem Vertrauen erfüllt, daß sie ihm zu seinem zeitlichen und ewigen Heil verhilft. Oder, vom Evangelium her formuliert: Das Evangelium trifft auf den Hörenden, es flößt ihm Vertrauen darauf ein, daß es ihn zu seinem Heil führt.

4.      Auffällig ist, daß die ersten drei Sätze mit ihrem jeweils vorherigen durch begründendes denn (gar, enim) verbunden sind. Die ersten beiden begründen, warum Paulus sich zur Verkündigung des Evangeliums gedrängt fühlt. Das dritte gar im dritten Satz aber gibt eine seinsmäßige (dogmatische) Begründung für einen dynamischen Vorgang.

5.      Dieser dritte Satz führt den Begriff GERECHTIGKEIT ein. Dazu heißt es im "Stuttgarter Neuen Testament":

Im Gegensatz zum deutschen Begriff "Gerechtigkeit", der auf die Erfüllung einer formalen Rechtsnorm zielt, geht es beim biblischen Verständnis von "Gerechtigkeit" immer um die Beziehung zwischen Personen, die in dem "rechten", beiden Seiten "gerecht" werdenden Verhältnis zueinander stehen sollen. "Gerecht" ist, wer sich der idealen Form einer solchen Beziehung – sei es zwischen Menschen oder zwischen Gott und Mensch – entsprechend verhält. Im Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk ist die Grundlage der gegenseitigen Beziehung der Bund, in dem Gott sich verpflichtet, sein Volk zu retten, zu bewahren und zu erhalten, und in dem das Volk sich verpflichtet, im gesamten Leben seinen heilsamen Willen, wie er in der Tora verkündet ist, zu befolgen.

"Gerechtigkeit" bedeutet demnach von Gott her: seine Treue und Verläßlichkeit, die Einlösung seiner Zusagen, sein rettendes, heilschaffendes Eintreten für sein Volk; vom Volk Gottes her: die Erfüllung der Tora, d.h. das Tun des Guten und Rechten.

Gemäß dieser Definition ist "Gerechtigkeit" in Vers 17 so zu verstehen:

Im Evangelium wird Gottes Zuwendung (Heilsangebot) offenbart.

Das ist zunächst eine absolute Aussage. Näher bestimmt, richtet sie sich an den Menschen, daher ist der Sinn:

Die Gerechtigkeit Gottes wird für den Menschen offenbart, damit er glaube,

also nicht credenti, wie im vorhergehenden Satz, ist zu denken, sondern credituro. Denn das Heilsangebot Gottes bedarf der freien Zustimmung des Menschen.

Als Paulus diese dogmatische Definition bis ek pisteos formuliert hatte, fehlte ihm offensichtlich etwas, so daß er eis pistin hinzufügte. Es fehlte ihm der Aspekt zeitlicher Erstreckung. Dieser ist im folgenden Satz "Der Gerechte wird aufgrund seines Glaubens leben" ohne weiteres verstehbar. Denn die futurische Aussageweise setzt voraus, daß jemand an seinem Gottvertrauen sein Leben lang festhält. Paulus dürfte die alttestamentliche Aussage von Habakuk 2,4 auf das Fortleben nach dem Tod ausgedehnt haben – falls es nicht bei Habakuk bereits impliziert ist.

Der Gedankengang der ersten drei Sätze führt zum Anfang eines Glaubensprozesses, der in lebendiger Gemeinschaft mit Gott weiterzuführen ist und Denken und Handeln des Glaubenden bestimmen soll. Anfänglicher Glaube an Gottes Zuwendung muß sich bewähren. "Aus Glauben zum Glauben" bezeichnet demnach den ganzen Glaubensweg des Christen, damit er "leben wird". Von daher stehen eis soterian und eis pistin in einem inneren Zusammenhang: Nur ausdauernder Glaube führt zum ewigen Heil.

6.      Paulus wollte vermutlich durch Hinzufügung von eis pistin den alttestamentlichen Sinnzusammenhang wahren. Der Prophet Habakuk beklagt sich bei Gott über das rücksichtslose Treiben ungerechter Menschen. Gott aber versichert ihm, daß Unrecht ein unaufhaltsames Ende haben werde; sollte es sich aber verzögern, solle man fest darauf vertrauen, daß es komme. Nach der Einheitsübersetzung von 1980 heißt es:

Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin,

der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben.

Hieronymus, der stets bemüht ist, so wörtlich wie möglich zu übersetzen, hat die feinen Überlegungen des Paulus offensichtlich nicht verstanden, sonst hätte er das Futur übernommen und nicht das Präsens vivit gewählt.

"Vom Glauben zum Glauben", so wird man ehrlicher Weise sagen müssen, bleibt eine ungewohnte und  überraschende Formulierung.

 

 

Erstellt: März 2017

 

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