5. Dezember 2018

Marienerscheinung im Pfaffenwinkel

Ein Maurer findet auf dem Dachboden eines Pfarrhofs eine uralte Mariendarstellung – völlig zufällig. Jetzt wurde die "Maria von Kinsau" restauriert. Seit ein paar Tagen kann man das sensationelle Sakralkunstwerk aus dem 18. Jahrhundert im Pfaffenwinkel besichtigen.

VON KLAUS MERGEL

Kinsau – Wie bei vielen Kunstfunden mogelte sich auch in dieser Geschichte ein lautloser Akteur ins Geschehen: der Staub. Als im Herbst 2015 in Kinsau im Landkreis Landsberg am Lech Alexander Resch und Dietmar Hefele den Dachboden des Pfarrhofs im Rahmen der Sanierung ausräumen, hatte dort besagter Staub den Mantel des Vergessens längst ausgebreitet. Fingerdick liegt er auf einem Packen Stoff, den Resch unter einem alten Schrank hervorzieht. Resch, Maurermeister und Bayer bis in die Fußnägel, misst dem Fund wenig Bedeutung zu. "Ich hab gedacht, das ist halt eine alte Placha", sagt er verschmitzt. Also eine Plane. Placha ist Bairisch.

So entfaltet der Handwerker, dessen Lieblingsspruch auf Baustellen "Mach' koa Doktorarbeit draus" lautet, entschlossen den Ballen. Schüttelt aus dem Tuch kräftig den Staub raus. Eine Tat, die der Restauratorin Irmgard Schnell-Stöger Jahre später noch die Nackenhaare aufstellen sollte. "Ich hab einen Schrei getan, den man wohl bis Landsberg hörte", sagt die Expertin. Sie restaurierte den Fund später – in der vergangenen Woche wurde er in Kinsau präsentiert.

Denn es war keine alte Plane, was da auf dem Dachboden lag. Es war ein Ölgemälde – ein außergewöhnliches: eine Mariendarstellung in runder Form. Durchmesser 2,88 Meter, Umfang neun Meter. Hefele, als Kirchenpfleger mit Sakralkunst vertraut, sagt zu Resch: "Du, das ist kein Glump."

Nach einer Lagebesprechung mit Bürgermeister Marco Dollinger wird das Bild provisorisch auf ein Plastikrohr aufgerollt. Die Männer zeigen es dem Kirchenmaler Wolfgang Reitschuster, der zur Stunde im Pfarrhof Putzarbeiten durchführt. Seine Schätzung: Das Ding ist alt, mindestens 200 Jahre.

Reitschuster lag gar nicht so verkehrt. Das Bild stammt vom Beginn des 18. Jahrhunderts und wird dem Maler Veit Benno Lederer, der 1745 starb, zugeschrieben. Ein lokaler Künstler, der auch in Schongau Kirchen gestaltete. Vermutlich hing es als Deckenbild in der Pfarrkirche St. Matthäus neben dem Pfarrhof. Im 17. und 18. Jahrhundert war diese Wallfahrtskirche "zur wundertätigen Madonna" überregional bekannt. Von 1712 bis 1714 baute man sie neu, da der alte Bau die vielen Wallfahrer nicht mehr fassen konnte.

In der Buchreihe "Die Kunstdenkmäler von Bayern" wird das zentrale Deckenbild der Kirche als "Das apokalyptische Weib" erwähnt. Eine fast gruselige Darstellung, die auf das zwölfte Kapitel der Offenbarung des Johannes zurückgeht. Dabei wird die sogenannte "Mondsichelmadonna" meist mit der Sonne bekleidet gezeigt, den Mond zu Füßen.

Ob diese Deutung der vor 200 Jahren populären Darstellung entspricht, ist noch unklar. Vieles auf dem Bild wirft Rätsel auf: etwa ein Engel mit verbundenen Augen. Zumindest ist sicher, dass es sich um die Muttergottes handelt: "Mater purissima" (Die reinste Mutter) steht oben geschrieben. Rechts unten verkündet die Schrift "Macula non est in te" (Du bist frei von Makeln) ihre unbefleckte Empfängnis. Von Putten umgeben zertritt sie den Drachen – also das Böse. Auch der Tod beugt sich als Skelett unter ihr. Wie sich herausstellt, wurde das Bild vermutlich 1892 bei der Kirchenrenovierung entfernt. "Möglicherweise war diese Darstellung aus der Mode gekommen. Vielleicht war sie den Leuten auch zu drastisch, so dass man sie abhängte", erklärt Restauratorin Schnell-Stöger.

So mottete man seinerzeit das Kunstwerk auf dem Dachboden des Pfarrhofs ein. Über 120 Jahre lag es dort im Dornröschenschlaf.

Ein Dorf stößt auf einen Schatz. Weniger wegen des materiellen Werts als vielmehr vom historischen Aspekt. "Das Bild wurde nie gereinigt, nie restauriert und nie etwas hinzugefügt. Ein Sechser im Lotto", schwärmt Schnell-Stöger. Vielleicht kein Meisterwerk wie von Caravaggio: Die Gelenke des Skeletts wirken wie grobe Scharniere, da es der Maler mangels Anatomiekenntnissen nicht besser wusste. Dennoch ein authentisches Werk großer Seltenheit.

Was aber macht eine kleine Gemeinde mit so einem Kunstschatz? Der Bürgermeister ruft die Kreisheimatpflegerin Heide Weißhaar-Kiem an. Eine Frau, die in der Welt der Denkmalpflege gut vernetzt ist. Sie stand der Gemeinde bei der Sanierung des denkmalgeschützten Pfarrhofs – der heute das Rathaus beherbergt – oft mit Rat und Tat bei. Wenig später begutachten Experten das Bild. Sie schätzen die Restaurierungskosten auf 30000 Euro.

"Als ich die Summe gehört habe, hab ich geschluckt. Wer bezahlt so was?", gesteht Bürgermeister Dollinger. Viel Geld für ein kleines Dorf. Auch hier weiß Weißhaar-Kiem Rat: Sie wendet sich an die Bauer'sche Barockstiftung in München – die sofort einspringt. Und die Restaurierung zu hundert Prozent übernimmt. Ein Glücksfall.

Im Sommer 2018 beginnt Schnell-Stöger aus Oberammergau ihr Werk: Für ein Vierteljahr verlegt sie ihre Werkstatt in den Kinsauer Pfarrhof. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Regina Koch verrichtet sie zwischen Sitzungssaal und Trauungszimmer ihre schwierige Arbeit. "Eine Sträflingsarbeit", findet Bürgermeister Dollinger, der gelegentlich vorbeischaut. Das Bild ist voller Risse, die Farbe bröselt. Und darf, solange die Malschichten nicht gefestigt sind, weder bewegt, aufgespannt noch aufgestellt werden.

Allein bei der Vorstellung schmerzt der Rücken: Ein liegendes Bild mit drei Metern Durchmessern filigran bearbeiten. An den Rissen weben die Frauen neue Fäden ein. Gerissene Fäden verbinden sie wieder. Die losen Pigmentpartikel kleben sie mit Hausenblasenleim fest: ein Spezialleim, der aus der Schwimmblase eines Fisches gewonnen wird. Ihr Werkzeug: Wattestäbchen. "In 80 Prozent der Fälle ging es nicht anders, da die Oberfläche so fragil war", sagt Schnell-Stöger. Das dauert einfach bei 6,5 Quadratmetern. Aus der Not machen die Kinsauer eine Tugend. Das Rathaus wird zur offenen Werkstatt erklärt: Bürger schauen vorbei. Und zeigen zur Freude der Restauratorinnen wohlwollendes Interesse.

Nach dreieinhalb Monaten ist das Werk vollbracht. Das Ergebnis: ein Gemälde in seinem ursprünglichen Zustand. Der Betrachter erkennt die einstigen Risse durchaus – kann die Bildsprache jedoch gut lesen. Der Traum jedes Denkmalpflegers. "Die Gemeinde hat es in seinem authentischen Zustand akzeptiert. Das ist nicht selbstverständlich", lobt die Restauratorin. Letztlich wurden es 45000 Euro Kosten – was aber aufgrund der langwierigen Arbeit nicht überrascht.

Mit einem Spannrahmen aus der Werkstatt eines örtlichen Schreiners fand das Marienbild nun seinen Platz an der Wand eines extra Raums im Rathaus. Dort präsentierten die Kinsauer in der vergangenen Woche "ihr Kunstwerk" der Öffentlichkeit.

Wer weiß, vielleicht kommen bald Besucher aus nah und fern? Die Gemeinde ließ schon mal schmucke Erklärtafeln für die Betrachter anfertigen. Denn die "Maria von Kinsau" bleibt nun, wo sie ist: im Rathaus. Das ist bei solch einem Fund eher die Ausnahme: Das Bistum Augsburg, zu dem die Kinsauer Kirche gehört, hatte durchaus Interesse an dem Bild. Und fragte wohl auch dahingehend nach. Doch da hat die Kirche Pech: 2013 verkaufte sie der Gemeinde den Pfarrhof mitsamt Inventar. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Gebäude auszuräumen. So bleibt dem Bild ein trauriges Schicksal erspart: in einem Kunstdepot in Augsburg wieder Staub anzusetzen.