Parallelität und Unterschied in 1, 1-4

1. Omneis homines,

qui sese student praestare ceteris animalibus,

summa ope niti decet,

ne vitam silentio transeant veluti pecora,

quae natura prona atque ventri oboedientia finxit.

2. Sed nostra omnis vis in animo et corpore sita est.

Animi imperio, corporis servitio magis utimur.

Alterum nobis cum dis, alterum cum beluis commune est.

3. Quo mihi rectius videtur ingeni quam virium opibus gloriam quaerere et

quoniam vita ipsa,

qua fruimur,

brevis est,

memoriam nostri quam maxume longam efficere.

4. Nam divitiarum et formae gloria fluxa atque fragilis est,

virtus clara aeternaque habetur.

In seiner Institutio Oratoria (Die Ausbildung des Redners) bezeichnet der Rhetoriklehrer Quintilian (35-96) die Geschichtsschreibung als carmen solutum, ein Gedicht ohne Bindung an Verse. Der Redner Seneca der Ältere (55 v.Chr. – 40 n.Chr.) rühmt die Kürze des Ausdrucks (brevitas) bei Thukydides (460 – 400 v.Chr.) und er fügt hinzu: ex Sallusti sententia nihil demi sine detrimento sensus potest (contorversiae 9,13): Aus einem Satz des Sallust kann man nichts ohne Beeinträchtigung des Sinns weglassen.

Für ein Gedicht ist charakteristisch, daß jedes Wort auf jedes andere bezogen ist und der Sinn durch ein Netz von Bezügen erhellt wird. Durch die Anzahl der Verse, Sätze oder Abschnitte wird eine numerische Gliederung vorgegeben, die korrespondierende Formalpositionen für Sinnvernetzung bilden. Bei gerader Zahl der Textelemente korrespondiert der Beginn der 1. Hälfte mit dem Beginn der 2. Hälfte.

Da der Sinn eines Textes eine Ganzheit darstellt, kann man sich zur Veranschaulichung eine Kreislinie vorstellen, die bei einem bestimmten Punkt beginnt, die erste Hälfte des Bogens vollendet, die zweite beginnt und zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Gegenseitige Bezüge (Korrespondenzen) formaler und inhaltlicher Elemente zielen auf die innere Stimmigkeit der Darstellung. Wenn sich der Kreis schließt, dienen parallele Elemente zwischen Anfang und Schluß zum Nachweis, daß die Logik des Ausgangspunktes zu ihrem überzeugenden Abschluß gelangt ist.

Die Korrespondenz von Formalpositionen verwirklicht sich in einer Mischung von Gleichem und Verschiedenem.

Die vier Sinnabschnitte des 1. Kapitels der Coniuratio Catilinae können wir uns als einen Kreis mit einem eingeschriebenen Achsenkreuz vorstellen. Korrespondierende Bezüge lassen sich aus dem Verlauf der Kreislinie bzw. der Lage der Sektoren ablesen.

Die syntaktische Korrespondenz 1-3, 2-4

Die Abschnitte 1 und 3 sind als Hypotaxen (Hauptsatz und Gliedsätze), 2 und 4 als Parataxen (mehrere Hauptsätze) gegliedert. Abschnitt 3 markiert den Beginn der zweiten Hälfte, ebenso 2 und 4 das Ende jeder Texthälfte.

Gleich sind in den Abschnitten 1 und 3 jeweils zwei Infinitive, unterschiedlich ihre Abhängigkeit von zwei Prädikaten (student, decet) in Abschnitt 1 und einem Prädikat (videtur) in Abschnitt 2. Unterschiedlich ist auch die Zahl der Gliedsätze (3:2).

Das Verhältnis 3:2 bestimmt auch die Zahl der Einzelsätze der Abschnitte 2 und 4.

Korrespondenz 1-3:

1. Die beiden Hauptsatzprädikate decet und videtur sind unpersönlich; von ihnen sind ein bzw. zwei Subjektsinfinitive abhängig, wobei der Infinitivbereich in Abschnitt 1 (summa ope niti) vor dem Prädikat, die beiden – chiastisch gestellten – Infinitivbereiche in Abschnitt 3 (ingeni ... gloriam quaerere; memoriam nostri ... efficere) danach stehen.

2. Das Wort ope wird durch opibus wieder aufgenommen.

3. Dem Superlativ summa entspricht quam maxume longam.

3. 3 v-Wörtern von Abschnitt 1 (vitamveluti; ventri) stehen 4 v-Wörter in Abschnitt 3 (videturvirium; vitabrevis)gegenüber.

Korrespondenz 2-4:

1. Zwei Sätze im Abschnitt 2 enden auf ein Prädikatsnomen (sita, commune) + est, in Abschnitt 4 bilden zwei Adjektive (fluxa atque fragilis) die prädikative Ergänzung zu est.

2. Es korrespondieren die vorangestellten Genitive animi imperio, corporis servitio und divitiarum et formae gloria.

Die inhaltliche Gliederung 1-2, 3-4

Es liegt nahe, in den beiden Texthälften zwei Schritte der thematischen Entfaltung zu sehen. In der ersten Hälfte wird das Wesen des Menschen durch Abgrenzung von den Tieren definiert, die zweite Texthälfte zieht die Schlußfolgerung für eine optimale Lebensgestaltung.

Korrespondenz 1-2:

1. Das erste Wort des Geschichtswerkes Omneis wird im 2. Abschnitt durch omnis wieder aufgenommen.

2. Der Unterschied von Mensch und Tier und das Spannungsverhältnis zwischen Geist und Körper wird durch 5 v-Wörter (vitam, vis für Mensch – Geist: veluti, ventri, servitio für Tier – Körper) ausgedrückt (3 Wörter in Abschnitt 1, 2 Wörter in Abschnitt 2).

3. Das Wort homines wird durch Personenwechsel in Abschnitt 2 durch nostra und nobis weitergeführt. Diese drei Wörter haben klangliche Entsprechungen in den drei Tierbegriffen animalibus, pecora, beluis.

Korrespondenz 3-4:

1. Das Wort gloriam wird durch gloria wieder aufgenommen.

2. Den zwei paarweise auftretenden v-Wörtern (videtur – virium; vita – brevis) steht je ein v-Wort in den zwei Zeilen des 4. Abschnitts (divitiarum, virtus) gegenüber.

3. Die f-Laute in fruimur und efficere werden alliterierend durch formae, fluxa, fragilis weitergeführt.

Anknüpfung und Abschluß: 2-3; 1-4

Korrespondenz 2-3:

1. Das Begriffspaar animus und corpus wird durch die synonymen Begriffe ingeni und virium weitergeführt. Gleichzeitig ist virium eine Wiederaufnahme von vis.

2. Die Formen der ersten Person Plural nostra, utimur, nobis werden durch fruimur, nostri weitergeführt.

3. Die durch magis beschriebene Relation zwischen Körper und Geist wird durch rectius ... quam und quam maxume longam fortgeführt.

Korrespondenz 1-4:

1. Abschnitt 4 bildet durch die drei Binome divitiarum et formae, fluxa atque fragilis, clara aeternaque einen wuchtigen Abschluß des gesamten Gedankengangs, wobei die Bindewörter abwechseln. Sie führen zum Ausgangspunkt des Abschnitts 1 in der Wortgruppe prona atque ventri oboedientia zurück.

2. Die f-Laute des 4. Abschnitts korrespondieren mit finxit, wodurch die atque-Fügungen inhaltlich einander enger zugeordnet werden.

3. Den Prädikaten finxit und habetur gehen jeweils zwei Prädikatsnomina voran, einmal im Akkusativ, das andere Mal im Nominativ. Sie bilden jeweils den Abschluß ihrer Texteinheit und stehen einander in unvereinbarem Kontrast gegenüber.

 

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