ANIMVS und CONSCIENTIA in der Catilina Charakteristik 5

1. L. Catilina, nobili genere natus,

fuit magna vi et animi et corporis,

sed ingenio malo pravoque.

2. huic ab adulescentia

bella intestina, caedes, rapinae, discordia civilis,

grata fuere,

ibique iuventutem suam exercuit.

3. corpus patiens inediae, algoris, vigiliae,

supra quam quoiquam credibile est.

4. animus audax, subdolus, varius,

quoius rei lubet simulator ac dissimulator,

alieni adpetens, sui profusus, ardens in cupiditatibus,

satis eloquentiae, sapientiae parum.

5. vastus animus inmoderata, incredibilia, nimis alta semper cupiebat.

6. hunc post dominationem L. Sullae

lubido maxuma invaserat

rei publicae capiundae

neque,

id quibus modis adsequeretur,

dum sibi regnum pararet,

quicquam pensi habebat.

7. agitabatur magis magisque in dies animus ferox

inopia rei familiaris et conscientia scelerum,

quae utraque iis artibus auxerat,

quas supra memoravi.

8. incitabant praeterea conrupti civitatis mores,

quos pessuma ac divorsa inter se mala,

luxuria atque avaritia,

vexabant.

Die Catilina Charakteristik ist in engem Zusammenhang mit Sallusts eigenem Lebensbericht (3,3–4,2) zu sehen. Sallust machte die Erfahrung, daß es ihm lange nicht möglich war, sein Leben nach den Grundsätzen zu führen, die er für richtig hielt. Seine jugendliche Unerfahrenheit und sein politischer Ehrgeiz verleiteten ihn (imbecilla aetas ambitione conrupta tenebatur), dieselben Denk- und Handlungsweisen (artes) anzunehmen wie die übrigen (relicui, ceteri). Erst als er sich aus der Politik zurückzieht, findet er zu seiner inneren Freiheit (animus liber) zurück.

In beiden Texten geht es Sallust um die Identität des Ichbewußtseins. Anhand seiner Überlegungen könnten wir etwa folgendes über die menschliche Natur ermitteln: Im Begriff animus (3x in beiden Texten im Nominativ) findet die Begegnung des Ich mit Wertmaßstäben, Wünschen und Zielen statt. Entweder identifiziert sich das Ich mit den Wünschen und Zielvorstellungen oder es bleibt ein Bewußtsein der Diskrepanz zwischen dem, was man tut und dem, was man eigentlich tun wollte, weil man es für das Bessere hält. Häufig wird das bessere Bewußtsein verdrängt und kommt wie bei Sallust zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu Tage. Dies gesteht Sallust erstaunlicherweise sogar Catilina zu, als dieser im Angesicht des Todes die Eigenschaften zeigt, die seiner adeligen Abkunft würdig sind.

Nach Sallusts Erfahrung gibt es also ein trügerisches und ein wahres Ichbewußtsein. Trügerisch ist es, wenn das Ich sich mit Wünschen identifiziert, die nicht der Natur des Menschen entsprechen und nicht zu dessen wahrem Glück führen. Es ist trügerisch, weil das Ich zwar glaubt, daß es im Streben nach Erfüllung seiner Wünsche Herr seiner Selbst ist, aber in Wahrheit von ihnen beherrscht wird.

Die Selbsttäuschung, in der sich Catilina befindet, stellt Sallust im 5. Kapitel auf verschiedene Weise dar.

1. Im Verfolgen seiner Ziele beachtet Catilina kein moralisches Gesetz. Der formalen Parallelität der Sätze 2 und 6 stehen Elemente eines gestörten Gleichgewichts gegenüber: Die zweite Hälfte von Satz 6 wird durch zwei ineinander geschobene Gliedsätze belastet, während die zweite Hälfte des zweiten Satzes deutlich kürzer als die erste Hälfte ist.

Auch in Sallusts Autobiographie gibt es zwei parallele Sätze (3,4/5), die aber in jeder Hinsicht ausgewogen sind und Sallusts gespaltenes Bewußtsein zum Thema haben.

2. Während Catilina glaubt, ein Handelnder zu sein und seinen Zielen wirksam zu dienen (Satz 4), ist er in Wahrheit ein Getriebener (agitabatur). Er ist ein Gejagter, weil er seine Lebensziele zu einem frühen Zeitpunkt (post dominationem L. Sullae) zu hoch gesteckt hat (Satz 6). Er muß ständig fürchten, dieses Ziel nicht zu erreichen und wendet daher rastlos alle Mittel an, um auf Erfolgskurs zu bleiben. Tatsächlich erfüllen ihn seine vergeblichen Bewerbungen um das Konsulat (67–63) mit zunehmender Erbitterung und Verbissenheit.

Catilinas Unfreiheit drückt Sallust durch lubido maxuma invaserat (Satz 6) aus. Statt sich selbst zu bestimmen, läßt er sich in Besitz nehmen wie von einer feindlichen Macht. Sowohl in Satz 2 als auch Satz 6 folgt Catilina – gekennzeichnet durch Subjektswechsel (fuere > exercuit; invaserat > habebat) – seinen Neigungen (grata) und Leidenschaften (lubido maxuma) ohne moralische Selbstkontrolle.

3. Das Ich empfängt seelische Empfindungen, trifft Entscheidungen und führt Tätigkeiten aus. Die Geistseele ist die objektive Instanz, die dem Ich Wissen oder Wahrnehmungen über richtig und falsch vermittelt und der das Ich verantwortlich ist. Handelt das Ich gegen die Eingebungen der Seele, so wird diese belastet und tut dies durch Vorwürfe kund, die den Menschen zur Einsicht führen oder ihn zur Unterdrückung der Gefühle veranlassen können. Der Begriff con-scientia oder conscientia animi bedeutet Mitwissen der Seele mit dem Ich, und die Regungen der Seele fordern das Ich auf, sich dieses Wissen bewußt zu machen und sein Denken und Handeln mit Hilfe geistiger Erkenntnis neu auszurichten. Wer auf die Stimme des Gewissens zu wenig achtet, läßt sich leicht von Wünschen und Begierden erfassen, von denen sich das Ich durch die Phantasie des Geistes zu Maßlosem (inmoderata) und Unwirklichem (incredibilia, nimis alta) treiben läßt. Die Folge ist eine permanente Selbsttäuschung, Realitätsverlust und ruhelose Jagd nach Erfüllung von Wünschen und Hoffnungen.

Vergangenheit und Gegenwart

Die Sätze 6-8 bilden aufgrund ihrer hypotaktischen Struktur die zweite Hälfte des 5. Kapitels. Den Sätzen 6 u. 7 gemeinsam ist je ein Prädikat im Plqupf. (invaserat, auxerat). Damit wird die Länge des Zeitraums zwischen Catilinas Jugend (ab adulescentia) bis zu seinen Konsulatsbewerbungen gekennzeichnet, also etwa die Jahre zwischen 90 u. 67. Aufgrund seiner Parallelstruktur bezieht sich der sechste Satz auf den zweiten. Die beiden synonymen Begriffe adulescentia und iuventutem erzeugen den Eindruck eines längeren kontinuierlichen Zeitraums, was im 6. Satz durch die zwei Zeitstufen des Plqupf. invaserat und des Impf. habebat wiedergegeben wird.

Ihre eigentlich Aussagekraft erhält die dargestelle Zeitspanne im 7. Satz durch die Wörter auxerat und supra. Es heißt in diesem Satz, daß Catilina seinen Geldmangel und seine Gewissenslast wegen seiner Verbrechen durch die oben erwähnten Charakterzüge vergrößert hatte. Das Vermögen, das er unter Sullas Alleinherrschaft (82–79) angehäuft hatte (alieni adpetens), verlor er durch verschwenderische Ausgaben (sui profusus), bis er sich 70 als Prätor bereicherte. Wegen Erpressung angeklagt, verlor er sein Vermögen wiederum durch Bestechung der Richter. Das Prädikat auxerat bedeutet sowohl ein kontinuierliches als auch ein dimensionales Anwachsen. Während sich Vermögenserwerb und Ausgaben mehr auf letzteres beziehen, betrifft Catilinas Schuldbewußtsein beide Aspekte. Mit jedem Verbrechen wächst seine Gewissensunruhe und seine moralische Bedenkenlosigkeit. Das Rad seines Lebens dreht sich unter der Wucht der angehäuften Gewissenslast den Abhang des Verderbens hinab.

Sallust gestaltet zwei Texthälften, um Verhältnisse von Vergangenheit und Gegenwart aufzuzeigen. Darauf weisen nicht nur die beiden Plusquamperfekte hin, sondern auch das Wort supra im 7. Satz, das im zeitlichen Sinn "früher" bedeutet.

Wie die Sätze 6 u. 2 durch formale Elemente deutlich aufeinander bezogen sind, gehören auch die Sätze 7 u. 4 zusammen. Beide Sätze haben dieselbe Wortzahl 21 und enthalten die drei Wörter animus, rei, in, deren Satzposition zusammengerechnet die Wortanzahl beider Sätze ergibt. Die Zahl 21 ist die Summe der Zahlen 1–6. Zieht man in einen Kreis im 60°-Winkel 3 Achsen ein, lassen sich die 6 Wörter der Reihe nach in die 6 Sektorenflächen eintragen.

Wenn sich nun das dreiachsige Rad dreht, wechselt die Kreishälfte der Vergangenheit in die Gegenwart und umgekehrt. Dementsprechend enthält jeder Satz sowohl den Aspekt der Gegenwart als auch der Vergangenheit. Der 4. Satz gehört formal zur Texthälfte der Vergangenheit, aber er ist ohne Prädikat und somit ohne Zeitbestimmung. Catilinas Charakter ist also zu allen Zeiten derselbe, es gibt bei ihm keine moralische Umkehr, wie dies in Sallusts Leben der Fall gewesen ist. Satz 7 hingegen, der der Gegenwart des Erzählzeitraumes angehört, enthält alle drei Zeiten der Vergangenheit. Dabei bezieht sich das Perfekt memoravi auf Sallusts schriftstellerische Gegenwart (ca 43–40), d.h. Catilinas Charakter ist ihm auch viele Jahre nach dessen Tod lebendig gegenwärtig. Von memoravi zurückschließend sind die beiden anderen Perfektformen fuit (S.1) und fuere (S.2) als konstatierende Perfekte (§ 172 2,3) zu verstehen.

 

 

 

 

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