CARMEN 109

Iocundum, mea vita, mihi proponis amorem

hunc nostrum inter nos perpetuumque fore.

Di magni, facite ut vere promittere possit,

atque id sincere dicat et ex animo,

ut liceat nobis tota perducere vita

aeternum hoc sanctae foedus amicitiae.

CARMEN 109

Übersicht über die formalen Elemente

I. Gliederung der Satzeinheiten

Das Gedicht enthält zwei Satzeinheiten: Satz 1: Z. 1-2; Satz 2: Z. 3-6

1. 1. Satz: Von proponis ist ein AcI abhängig, Infinitiv fore (= futurum esse), AcI-Subjekt amorem. Zu fore gehören zwei Prädikatsnomina: iocundum in betonter Anfangstellung, perpetuum in der 2. Hälfte des Pentameters (Hyperbaton mit Rahmenfunktion).

2. 2. Satz: Er enthält zwei mit ut eingeleitete GS:

2.1 Z. 3-4: Von facite hängt ein Begehrsatz mit zwei Prädikaten possit und dicat ab. Durch et werden zwei Adverbialien sincere und ex animo verbunden.

2.2 Z. 5-6: Dem 1. GS untergeordnet ist ein Finalsatz mit Infinitiv-Konstruktion nach liceat.

II. Syntaktisch-grammatikalische Entsprechungen

1. Jedes Distichon enthält einen Infinitiv: fore, promittere, perducere

2. Zwei Adjektive im 1. u. 3. Distichon bilden einen Rahmen: iocundum, perpetuum / aeternum, sanctae. Dem entsprechen im 2. Distichon zwei von Adjektiven gebildete Adverbien: vere, sincere.

III. Positionelle Entsprechungen

1. Endposition: Jedes Distichon enthält ein Substantiv, das mit A beginnt: amorem, animo, amicitiae.

2. An gleicher metrischer Stelle (in isometrischer Position) der drei Hexameter befinden sich drei Verben, die mit einem P und folgendem Präfix beginnen. Nimmt man perpetuum in Z. 2 hinzu, wechseln sich die Präfixe ab: proponis, perpetuum, promittere, perducere.

IV. Lexikalisch-inhaltliche Entsprechungen

1. 1. Distichon: mea, mihi / nostrum, nos

2. 1. u. 3. Distichon: nostrum, nos / nobis; hunc / hoc

3. 1. u. 2. Distichon: Zwei Anreden: mea vita / di magni

V. Gleiche Wörter

Die einzigen Wörter, die zweimal vorkommen, sind VITA und VT. Sie zeigen eine vertikale und horizontale Gestalt. VITA und VT stehen in der 1. und 3. Zeile isometrisch, in chiastischer Fortsetzung bilden sie Anfang und Ende der 5. Zeile.

VI. Klangliche Entsprechungen:

1. Zwei Infinitive und zwei Adverbien werden durch die Endung -ere miteinander verknüpft: promittere, vere, sincere, perducere.

2. Diphthonge in 1. u. 6. Zeile: 1mal io / 3mal ae, 1mal oe

VII. Ergebnis

Die vier mit einem Präfix beginnenden Wörter zeigen zusammen mit den beiden Adverbien ein vertikales Fortschreiten an, das als eine gedankliche Entwicklung anzusehen ist. Die tragenden Begriffe dieser Entwicklung sind amorem, animo und amicitiae. In diesen drei Wörtern sind die Buchstaben AM konstant, während sich das O über animo zu I wandelt, dafür das E wieder erscheint.

 

Zum Verständnis des Gedichts

1. Das erste Wort iocundum verleiht dem Gedicht einen feierlich-ernsten Tonfall. Catull wägt und bedenkt diesen Begriff in seinem Innern.

2. Catull befindet sich in der 1. Zeile in einer Zwiesprache mit Clodia. Er sagt proponis – du stellst mir vor Augen, du malst mir aus. Aber auch er selbst stellt sich seine Liebe zu ihr vor Augen, wenn er sie mea vita nennt und sich – im Aussprechen der beiden Worte selbst – von der Macht der Liebe ergreifen und inspirieren läßt. Er bekennt freimütig, daß seine Liebe zu ihr untrennbar mit dem Sinn seines Lebens verbunden ist.

3. Mit iocundum ist eine Grundstimmung von Lebensfreude und Glücksempfinden gemeint, die durch die Liebe unablässig genährt wird. Das Wort perpetuum bezieht sich also nicht nur auf die zeitliche Dauer der Liebesbeziehung, sondern auf einen beständigen Seelenzustand.

4. Clodias Worte machen Catull sehr glücklich. Denn sie sind die Antwort ihrer Person auf seine Liebe. Sie sind das Ergebnis dessen, was in der 2. Zeile durch hunc nostrum inter nos wiedergegeben wird. Zwischen beiden gibt es eine Erfahrung gegenseitiger Liebe, die ihnen das gemeinsame Bewußtsein vermittelt, zu einander zu gehören und auf einander angewiesen zu sein. Catull weiß, daß Clodia jemand braucht, der ihr geistigen und sittlichen Halt und Lebenssinn gibt. Clodias temperamentvolles Wesen ist nämlich weniger Zeichen von geistiger Selbstbestimmung, sondern von rastloser Suche nach Sinn- und Lebenserfüllung. Ihre geistigen Fähigkeiten ermöglichen es ihr, Catulls geistige Welt zu erfassen und auf sie einzugehen.

5. Die Faszination der Liebesbegegnung ist eine Seite, die Umsetzung in die Wirklichkeit eine andere. Liebe ist Sinnerfahrung schlechthin. Catulls revolutionärer Versuch ist, Sinnverwirklichung innerhalb vorgegebener Institutionen der Gemeinschaft wie z.B. des Staatsdienstes und der Ehe wie Ballast abzuwerfen und aus dem Wesen der Liebe heraus eine neue Lebensform zu entwerfen. Wenn sich die Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe verwirklicht, dann nicht, weil sich zwei Liebende einer bestehenden Einrichtung einfügen, sondern weil die Liebe selbst die Ehe schafft. Wirkliche Liebe ist Erfahrung von Gemeinschaft, die sich nicht selbst genug ist, sondern nach außen strebt und Gemeinschaft weitergibt.

6. Es ist kaum vorstellbar, daß Catull c.109 vor dem Tod von Clodias Mann im Jahr 59 verfaßt hat. Der Weg war also frei für eine Entscheidung Clodias. Nun waren die Lebenssituationen von Catull und Clodia sehr verschieden. Clodia war eingebunden in das politische Beziehungsgeflecht ihrer Familie, sie selbst war gewohnt, Aufmerksamkeit zu erregen und Einfluß zu nehmen. Catull war zwar auch Aristokrat, aber sein Wirkungskreis war auf die Erfüllung seiner dichterischen Berufung gerichtet.

7. Catull war sich bewußt, daß seine Liebe Clodia zu Erkenntnissen und Willensäußerungen führte, die zu sehr vom Augenblick bestimmt waren. Er strebte nach einer Form der Beziehung, die über der Faszination des Augenblicks stand. Dies erfordert einen inneren Glauben an die Liebe selbst, der Wirkung entfaltet, auch wenn die Liebenden getrennt sind. Ein solcher Glauben kann nur aus der Willensfreiheit der Person hervorgehen. Hier endet die Einflußmöglichkeit einer anderen Person, weil jede Beeinflussung Widerstand oder Abhängigkeit hervorruft.

8. In dieser Situation ruft Catull die di magni an, die allein etwas bewirken können (facite), was ihm selbst verwehrt ist. Menschliche Entscheidung braucht also Befreiung zur Entscheidung durch Erkenntnis. Diese ist eine göttliche Gabe. Catull zweifelt nicht an Clodias guten Willen im Augenblick seliger Liebeserfahrung, aber an ihrer Fähigkeit (possit), eine Entscheidung aus geistiger Erkenntnis zu fällen. Dies ist gemeint mit ex animo.

9. Geistige Erkenntnis und innere Überzeugung ist also notwendig, damit eine lebenslange Beziehung (tota vita) zwischen zwei Menschen möglich wird.

10. Es ist von Bedeutung, daß Catull das Demonstrativpronomen hunc der 2. Zeile in der letzten Zeile durch hoc wieder aufgreift, diesmal aber ohne das begleitende nostrum inter nos. Für Catull ist die Liebeserfahrung, die er mit Clodia teilt, nicht etwas, das dem flüchtigen Augenblick angehört, sondern das eine geistige Dimension hat. Das Ereignis der Liebe stiftet etwas, das in sich heilig (sanctae) ist, d.h. ein Geschenk von göttlicher Herkunft ist, und daher die Kraft der Dauerhaftigkeit in sich trägt. Das Ereignis der Liebe darf daher keineswegs der Beliebigkeit überlassen werden, sondern wenn es das Merkmal der Einzigartigkeit hat, wird es zu einer schicksalhaften Verpflichtung zu bleibender Gemeinschaft, die sich in gegenseitigem Dienst, durch Hilfeleistung und Treue verwirklicht. Das Wort foedus in diesem Zusammenhang bedeutet die Besiegelung gleicher Erkenntnisse hinsichtlich der Verpflichtungen, die aus dem Wesen der Liebe erwachsen.

11. Um die Gemeinsamkeit der Liebeserfahrung auszudrücken, verwendet Catull das Mittel des Diphthongs. Thematisch eröffnet daher der Diphthong IO das Gedicht, es bleibt aber der einzige im ersten Distichon. Mit voller Überzeugung kehrt er in der 6. Zeile gleich vierfach zurück. Die Liebe ist eine Gemeinsamkeit ohne Ende. Daher beginnt und endet die Zeile mit dem Diphthong AE und bildet so einen Kreis, der ein AE überflüssig macht, indem das letzte Wort übergangslos ins erste mündet.

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