Catilina und Petreius in Cat. 60

1. Sed ubi omnibus rebus exploratis Petreius tuba signum dat, cohortis paulatim incedere iubet; idem facit hostium exercitus.

2. Postquam eo ventum est, unde a ferentariis proelium conmitti posset, maxumo clamore cum infestis signis concurrunt; pila omittunt, gladiis res geritur.

3. Veterani pristinae virtutis memores comminus acriter instare, illi haud timidi resistunt: maxuma vi certatur.

4. Interea Catilina cum expeditis in prima acie vorsari, laborantibus succurrere, integros pro sauciis arcessere, omnia providere, multum ipse pugnare, saepe hostem ferire:

5. Strenui militis et boni imperatoris officia simul exequebatur.

6. Petreius ubi videt Catilinam, contra ac ratus erat, magna vi tendere, cohortem praetoriam in medios hostis inducit eosque perturbatos atque alios alibi resistentis interficit.

7. Deinde utrimque ex lateribus ceteros adgreditur.

8. Manlius et Faesulanus in primis pugnantes cadunt.

9. Catilina postquam fusas copias seque cum paucis relicuom videt, memor generis atque pristinae suae dignitatis in confertissumos hostis incurrit ibique pugnans confoditur.

I. Vergleich mit Kapitel 59

Der erste Satz beider Kapitel enthält das Prädikat iubet. In Kap. 59 bezieht es sich auf Catilinas Truppenaufstellung, in Kap. 60 auf den Beginn der Kampfhandlungen selbst. Dadurch kommt zum Ausdruck, daß sich Catilinas Befehlsmöglichkeiten nur auf die Kampfvorbereitung erstreckt, das Gesetz des Handelns aber auf Petreius übergeht.

II: Strukturelle Übersicht

1. Kap.60 gliedert sich in vier Teile: a) die Aktionen beider Heere (1-3), b) das Handeln Catilinas (4-5), c) die Maßnahmen des Petreius (6-7), d) das Ende Catilinas (8-9).

2. Das Kap.60 beginnt mit Petreius und endet mit Catilina. Nimmt man die beiden Kapitel 59 u. 60 als Einheit, wird Anfang und Ende von Catilina eingenommen, die chiastischen Zwischenglieder von Petreius.

3. Petreius und Catilina sind Subjekt von jeweils 3 Sätzen: Petreius in den Sätzen 1,6,7, Catilina in den Sätzen 4,5,9.

III. Die Aktionen des Heeres (1-3)

In der Entscheidungsschlacht stehen sich zwei römische Heere gegenüber. Sie haben dieselbe Kampfweise, wegen des engen Geländes sind taktische Manöver unmöglich, es bleibt nur ein frontaler Zusammenstoß übrig. Zwei Aktionen des konsularische Heeres im 1. u. 3. Satz entsprechen identische Reaktionen von Catilinas Heer (idem facit hostium exercitus – illi haud timidi resistunt). Der 2. Satz hat kein ausdrückliches Subjekt, es sind die Soldaten auf beiden Seiten, die gleiche Operationen ausführen. Die frontale Auseinandersetzung auf engem Raum und die gegenseitige Erbitterung führt zum sofortigen Schwertkampf.

Beachtenswert ist die Parallelstruktur der Kurzsätze. Ebenso fallen die parallelen Formen maxumo und maxuma auf im 2. u. 3. Satz:

Satz 1

idem facit hostium exercitus

 

 

Satz 2

 

pila omittunt

gladiis res geritur

Satz 3

illi haud timidi resistunt

 

maxuma vi certatur

Der Identität der Kampfesweise entspricht auch die Gleichwertigkeit des Kampfesmutes auf beiden Seiten. Dem Inhalt entspricht ein asyndetischer Stil.

IV. Petreius und Catilina

1. Ähnlich den beiden Heeren stehen auch Petreius und Catilina einander gleichrangig gegenüber:

a) Jeder ist Subjekt von drei Sätzen. Die Auseinandersetzung erfolgt in parallelem Wechsel der Subjekte: 1 (P.), 4 (C.), 6 (P.), 9 (C.).

b) Die parallelen Sätze 4 u. 5 (C.) und 6 u. 7 (P.) bestehen aus jeweils 30 Wörtern (22+8 bzw. 24+6).

2. Satz 6 beleuchtet die Schlachtszene. Petreius ist der Angelpunkt von Catilinas Schicksal (S.4, 6, 9 = 22+24+22 Wörter). Petreius verfolgt von der Höhe des Pferderückens das Kampfgeschehen. Er ist verblüfft von der Widerstandskraft des gegnerischen Heeres. Er hat mit einem schnelleren Zurückweichen des Feindes gerechnet (contra ac ratus erat). Mit Verwunderung sieht er Catilinas persönliche Tapferkeit und Führungsfähigkeiten.

3. Was Petreius von seinem Pferd aus beobachtet, nimmt Sallust zum Anlaß, eine erstaunliche Seite von Catilinas Verhalten aufzuzeigen und zu kommentieren. Catilina, der semper nimis alta cupiebat (5,5), spielt die Rolle, die er immer angestrebt hat. Angesichts eines Entscheidungskampfes auf Leben und Tod leuchten aus dem ingenio malo pravoque auf einmal Tugenden seines aristokratischen Erbes auf. Sie treten hervor in einem letzten Sich Aufbäumen eines bisher rücksichtslosen Machtmenschen. Einen Augenblick hält Sallust inne, um einer Illusion den Anschein von Sein zu geben. Einen Augenblick lang darf Catilina eine große Rolle spielen und seinen heldenhaften Anstrengungen eine kleine Chance des Erfolges geben.

4. Aber schon hat Petreius ihn im Visier (Petreius ubi videt Catilinam). Im Gegensatz zu Catilina hat er noch eine schlagkräftige Reservetruppe in der Hinterhand. Ein Befehl genügt und Catilinas Bemühungen werden von einem Augenblick zum andern zunichte. Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied im Handlungsgrad der beiden. Catilinas Handlungen sind heldenhafte Einzelaktionen ohne Kommandowirkung, was Petreius tut, impliziert jeweils einen Befehl, der auf viele Einzelkräfte übertragen wird. Zwei Prädikate (iubet S.1, inducit S.6) haben explizite, drei Prädikate implizite Bedeutung: dat (S.1),interficit (S.6), adgreditur (S.7). Demgegenüber steht nur ein vergleichbares Prädikat auf Catilinas Seite: incurrit (9). Die 6 Prädikate des 4. Satzes sind historische Infinitive, die Ausdruck einer unentwegten Kraftanstrengung sind und durch das kollektive Kampfgeschehen des Infinitivs instare im vorangehenden Satz vorbereitet sind.

V. Die Parallelstruktur des 6. und 9. Satzes

1. Es sind folgende Parallestrukturen enthalten:

Petreius

Catilina

Satzbeginn

ubi

postquam

Konjunktion + GS

videt

...videt

gleiches Prädikat

in medios hostis

in confertissimos hostis

 

in-ducit

in-currit

gleiches Präfix, gegensätzl. Bedtg.

eosque

ibique

gleicher Anschluß

...resistentis

pugnans

Ptzp

interficit

confoditur

synonym, Gegensatz Akt.-Pass.

adgreditur

confoditur

gleiche Endung, aber akt.u.pass.Bdtg.

2. Im Gegensatz zu Petreius kann Catilina nur noch sich selbst in den Kampf "hineinführen". Er hat alle Macht verloren. Auch in diesem letzten Akt, der sich konsequent an Satz 4 (jeweils 22 Wörter) anschließt, spielt Catilina eine Rolle in einem sinnlosen Geschehen. Er, der sein Leben lang nur sein eigenes Machtinteresse im Auge hatte, erinnert sich, daß Heerführer in einer devotio ad inferos sich selbst den Unterweltgöttern als Opfer anboten, um von ihnen den Sieg für das römische Heer zu erwirken. Was Catilina tut, ist eine nutzlose Geste, aber memor pristinae dignitatis erreicht er für einen Augenblick die Konvergenz seines Rollenspiels mit der Tugend der Selbsthingabe an das Gemeinwesen. Indem er bis zum Schluß an seiner selbststilisierten Größe festhält, offenbart sich einen Augenblick lang in einem entliehenen Akt der Aufopferung die Würde des animus, die er stets mißachtete.

3. Die positive Sicht, die Sallust Catilina einräumt, wird formal durch die Parallelität von memor generis atque pristinae suae dignitatis zu Satz 3 pristinae virtutis memores hergestellt. In der todesmutigen Hinopferung seiner Person erweist sich Catilina seiner aristokratischen Herkunft würdig, so wie die Veteranen der Tradition des römischen Legionärs entsprochen haben.

4. Dennoch ist die Legitimität des Kampfgeschehens dem Heer des Petreius vorbehalten. Catilina und seinen Kampfgenossen bleibt nur das ehrenvolle Andenken, in tapferem Kampf gefallen zu sein. Diese Intention Sallusts geht aus fünf entsprechenden Wortformen hervor: resistunt (3), pugnare (4), resistentis (6), pugnantes (8), pugnans (9).

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