Perspektiven neutestamentlichen Denkens

Nachdem ich eine GEO-Reportage (1/04) über den "historischen Jesus" (dazu mein Kommentar) gelesen und eine 10-teilige Fernsehreihe über das frühe Christentum (April 04, ARTE) gesehen hatte, entschloß ich mich, diejenigen Prinzipien und Haltungen neutestamentlichen Denkens in den Blick zu bekommen, die eine wahrheitsgemäße theologische Forschung ermöglichen. Denn es scheint, daß nicht wenige neutestamentliche Theologen den Gegnern von Kirche und Christentum willkommene Argumente liefern, den Glauben an die Person Jesu zu untergraben. Schuld daran ist hauptsächlich eine einseitige Handhabung der historisch-kritischen Methode. Im folgenden soll neutestamentliches Denken von verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden:

A. Die Geschichtlichkeit des Menschen, des Automobils und der Kirche

B. Wissenschaft und Glaube

C. Definition des Bibelwissenschaftlers

D. Definition von Glaube und Wissenschaft

E. Menschliche und göttliche Weisheit

F. Die induktive und deduktive historisch-kritische Methode

G. Der Exeget und die biblischen Gestalten

H. Die alten und die neuen Schriftgelehrten

A. Die Geschichtlichkeit des Menschen, des Automobils und der Kirche

Die Freiheit, die jeden Menschen befähigt, Lebensaufgaben zu erfüllen, ist nicht voraussetzungslos. Mit der Sprache, die das Denken erst ermöglicht, empfangen wir die Denkformen vieler Generationen von Menschen, die diese Sprache entwickelt haben. In dieser Hinsicht verdankt sich jeder Einzelne einer Vielzahl von Menschen, deren Leben und Wirken kontinuierlich in die Vergangenheit der Geschichte zurückreicht. Zweifellos verlassen sich die meisten Menschen unreflektiert auf die Gültigkeit der ererbten sprachlichen Denkformen.

Wenn wir ein modernes Auto mit dem ersten von Carl Benz 1885 gebauten vergleichen, so erscheint letzteres vergleichsweise primitiv. Aber wir bewundern und ehren Carl Benz als den Erfinder des Automobils und niemand wird ernsthaft behaupten, der Konstrukteur des modern Autos überrage den Pionier an Fähigkeit und Intelligenz, nur weil sein Werk bei weitem mehr und bessere Fahreigenschaften aufweise. Viemehr wird man sagen, der Konstrukteur stehe am Ende einer Entwicklung, deren Grundlagen Carl Benz einst legte. So verdanken wir alle in der Gegenwart Lebenden die vielen Annehmlichkeiten von Wissenschaft und Technik den grundlegenden Leistungen vieler Erfinder und Entdecker früherer Zeiten.

Aber auch in den Bereichen von Kunst und Kultur wird Vergangenes für wertvoll gehalten. Davon geben unzählige Museen und Ausstellungen Zeugnis. Je älter ein Kulturgegenstand ist, desto höher wird er eingeschätzt. So renovieren z.B. viele Städte und Ortschaften Bauwerke früherer Architekturstile, damit geschichtliche Kontinuität sichtbar und eigene Identität erfahrbar wird. Die Menschen solcher Kommunen betrachten also frühere Kulturgüter als ein Erbe, das in mannigfacher Weise eine Verpflichtung für die Gegenwart darstellt.

Aus dem bisher Dargelegten lassen sich – noch auf vortheologischer Ebene – folgende Schlüsse ziehen:

1. Die Menschheitsgeschichte zeigt sich – von der Gegenwart aus gesehen – als ein Kontinuum menschlicher Leistungen, die in kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Großtaten Einzelner ihren Anfang nehmen und von Anderen tradiert oder weiterentwickelt werden.

Weiterentwicklung bedeutet Fortschritt, nicht Rückschritt. Auf religiösem Gebiet bedeutet der Monotheismus eine Weiterentwicklung gegenüber dem Polytheismus. Über ihren Eingottglauben wachten die Juden seit jeher mit Eifersucht und Selbstbewußtsein. Mit den polytheistischen Religionsformen des griechisch-römischen Kulturraums konkurrierten zunehmend monotheistische Erkenntnisse der griechischen Philosophie. Wer daher meint, die Evangelien enthielten mythologische Elemente, verstößt gegen das Fortschrittsprinzip der Menschheitsgeschichte.

2. Aus den drei religiös-geistigen Strömen – dem jüdischen Monotheismus, dem Polytheismus der Griechen und Römer und aus der griechischen Philosophie – ist das Christentum siegreich hervorgegangen und ist heute die größte Weltreligion. Von der Gegenwart aus gesehen verdankt das Christentum seine Entwicklung und Ausbreitung der Kraft seiner literarischen Quellen, des Neuen Testaments. Die Kraft der Quellen aber geht hervor aus der Kraft ihrer Verfasser. Theologen aber, die nicht aus derselben Kraft leben wie die Verfasser der neutestamentlichen Schriften, können keine zuverlässige Bibelwissenschaft betreiben.

3. Ein Auto des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich in Aussehen, Komfort und Schnelligkeit wesentlich von seinem Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert, aber die grundlegenden Konstruktionselemente und Funktionen sind dieselben. Das heutige Auto wäre nicht vorstellbar ohne zahlreiche Zwischenstufen, die im 20. Jahrhundert durchlaufen wurden. Im modernen Auto lassen sich alle Neuerungen einer dieser Zwischenstufen zuordnen.

Nun ist auch die Erfindung des Automobils nicht voraussetzungslos. Carl Benz wurde zu seinen Ideen und Plänen durch bereits bestehende physikalische Kenntnisse, technische Errungenschaften und Werkstoffe inspiriert.

Analog zur Geschichte des Automobils läßt sich die Geschichte des Christentums als ein Kontinuum und geschichtlicher Organismus aus vielen Epochen begreifen. Die grundlegenden Glaubenswahrheiten wurden in jeder einzelnen Geschichtsepoche von der vorhergehenden übernommen, weiter reflektiert, bei Bedarf zu dogmatischen Lehraussagen definiert und von den Gläubigen in ihrem Leben umgesetzt. Jede Epoche hinterläßt religiöse Kulturdenkmäler in Schrifttum, Institutionen, Bau- und Kunstwerken.

Die erste Kirchenspaltung entstand, als das Patriarchat von Konstantinopel dem Primat des römischen Papstes die weitere Anerkennung versagte, die zweite Spaltung verursachte Martin Luther, als er die Lehrtraditionen der Kirche verwarf, wozu in gravierendem Maß die scholastische Philosophie gehörte.

Der Karosserie und dem Innenleben des modernen Auto entspricht gewissermaßen das Lehrgebäude der katholischen Kirche mit dem gesamten spirituellen Reichtum der Kirchengeschichte. (Kirchliche Konkurrenten haben ihre eigenen Antriebsstruktur und Erscheinungsbild und übernehmen gelegentlich bewährte Bauteile katholischer Lehraussagen).

Die Bibelwissenschaftler nun, die wie jeder getaufte Christ einen Führerschein für ein modernes christliches Fahrzeug besitzen, befassen sich mit der ursprünglichen Konstruktion ihres Gefährts, genießen aber gleichzeitig den Komfort ihres Amtes und ihrer modernen Forschungsmöglichkeiten. Jeder Komfort aber verführt zu Bequemlichkeit. Viele Theologen machen sich daher nicht die Mühe, Lehre und Tradition einer 2000-jährigen Kirchengeschichte genau kennen zu lernen und sich dann ihren bibelwissenschaftlichen Studien zu widmen. Die Folge ist, daß sie mit sehr menschlichen Maßstäben an neutestamentliche Schriften herantreten und sehr komplizierte, aber kaum substantielle Sachverhalte herausfinden.

B. Wissenschaft und Glaube

Wissenschaft und Glaube werden häufig als Gegensätze aufgefaßt. Dabei herrscht die Vorstellung, Wissenschaft bringe sicheres, weil beweisbares Wissen hervor, während es auf religiöser Ebene nichts Beweisbares gebe. Aber auch wer zwischen Wissenschaft und Glauben keine Unvereinbarkeit sieht, hat gegen innere Widerstände anzukämpfen. Ein Wissenschaftler nämlich möchte nicht nur für sich selbst Erkenntnisse gewinnen, sondern sie anderen Menschen vermitteln. Nun aber sollen wissenschaftliche Beweisgänge sachlich und objektiv sein, Schlußfolgerungen sollen aus den Gegebenheiten selbst hervorgehen und nicht etwa von persönlichen Überzeugungen gesteuert werden. Überzeugungen und Glaubenseinstellungen werden dem Bereich der Werte zugerechnet, Wissenschaft jedoch soll sachlich, d.h. wertneutral betrieben werden.

Von solchen Vorstellungen über Wissenschaft und Glaube sind viele Bibelwissenschaftler keineswegs frei, sondern scheinen sie sogar bewußt zu einem Prinzip zu erheben. Die anerkannte Maxime "Zurück zu den Quellen!" empfinden sie als befreiende Botschaft, können sie doch die dogmatische Last einer langen Kirchengeschichte abschütteln und "vorurteilsfrei" ans Werk gehen. Damit glauben sie auf zweifache Weise dem Fortschritt ihrer Wissenschaft zu dienen:

1. Sie distanzieren sich von früheren Bibelwissenschaftlern, deren Auslegungen zu sehr vom Respekt vor Glaubensdogmen geleitet wurden.

2. Sie sehen Möglichkeiten, konfessionsübergreifende Übereinstimmungen zu erreichen und so der Einheit der Christenheit einen Dienst zu leisten.

In der Tat stehen der heutigen Bibelwissenschaft bei weitem mehr sachkundliche Voraussetzungen zur Verfügung als in früheren Zeiten, hauptsächlich auf archäologischem, religions- und profangeschichtlichem Gebiet sowie im Bereich der Text- und Sprachanalyse. In dieser Hinsicht lassen sich immer detailliertere Forschungsergebnisse erzielen.

Zweifelsohne lassen sich viele brauchbare Erkenntnisse nach formalanalytischen Kriterien gewinnen. Nun gibt es in den Evangelien vieles, was sich weltimmanenter Rationalität und Beweisbarkeit entzieht, so z.B. die Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist in einer Jungfrau, Jesu Wundertaten, die Einsetzung der Eucharistie, seine Auferstehung und Himmelfahrt. Wie verfährt aber ein Theologe mit diesem übernatürlichen Bereich, wenn er gewohnt ist, nur auf menschliche Vernunftgründe gestützt, Bibelwissenschaft zu betreiben.

Das Nebeneinander von weltimmanenten und transzendenten Inhalten läßt erkennen, was der Bibelwissenschaftler auf formaler Ebene zu leisten hat: Er muß fähig sein, gleichermaßen auf zwei Ebenen zu denken und die "untere" mit der "oberen" Ebene sachentsprechend zu verknüpfen. Dazu ist jedoch eine angemessene Definition von Wissenschaft und Glauben erforderlich.

C. Definition des Bibelwissenschaftlers

Eine Wesensbestimmung von Wissenschaft und Glaube im Bereich exegetischen Denkens ist nicht ohne eine Definition des neutestamentlichen Exegeten selbst vorzunehmen. Der Exeget ist vor allem anderen Christ. Worin besteht Christsein? Es besteht wesentlich in der Nachfolge Jesu Christi, des einzigen Heilsvermittlers zwischen Gott und den Menschen. Es besteht im Glauben an die zweite göttliche Person als das vollkommene und wesensgleiche Abbild des Vaters. Der Christ ist also aufgerufen, sich auf seine göttliche Abbildhaftigkeit hin durch Christus und in ihm gestalten zu lassen. Das ist gemeint, wenn Jesus sagt: "Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5) und "Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel" (Mat 5,48), von dem auch Jesus selbst seine Vollkommenheit empfängt. Gegenüber seinen Mitmenschen ist der Christ dazu berufen, Jesu Gebote (Joh 14,15; 14,21; 15,10) durch die Tat zu bezeugen. Glaubenszeuge ist der Christ zu allererst durch seine Person, erst in zweiter Linie als Wissenschaftler. Bevor der Exeget über Jesus wissenschaftliche Aussagen macht, soll er selbst aus ihm leben.

Wenn nun der Exeget nicht aus seinem Christsein heraustreten kann, um Bibelwissenschaft zu betreiben, in welcher Beziehung stehen dann Glaube und Wissenschaft?

D. Definition von Glaube und Wissenschaft

Die Antwort auf diese Frage ist überraschend einfach: Glaube und Wissenschaft konvergieren im richtigen Gottesbild: Alles Geschaffene in Raum und Zeit ist aus der Ewigkeit Gottes hervorgegangen. Er hat den Kosmos aus dem Nichts hervorgerufen und hält ihn in jedem Augenblick in der Freiheit seiner gewollten Existenz. Nichts Endliches geschieht ohne seinen Willen und seine Zulassung. Er führt seine Schöpfung nach seinem weisen Plan zur Vollendung. Gott ist also der Inhaber alles Wissens und aller Zusammenhänge aller Zeiten. Er ist also Wissenschaftler, Ingenieur und Lenker schlechthin. In ihm treffen alle Fäden scheinbarer Zufälligkeiten zusammen.

Wenn der Christ an Gott glaubt, so ist Gott für ihn die höchste Realität und er läßt sein gesamtes Denken von ihm her leiten, um jede weitere Realität angemessen zu erkennen.

Der Glaube des Christen muß also so umfassend sein, daß darin jeder Begriff von Wissenschaft Platz hat. In einem solchen Glauben ist der gläubige Christ dem nichtgläubigen keine andere Rechenschaft schuldig als sein Glaubenszeugnis, das er diesem, wenn es angebracht erscheint, mit den Mitteln der Logik so gut wie möglich darlegen kann. Denn Wahrheiten sind durch Prämissen und Schlußfolgerungen formulierbar.

Insofern Wissenschaft auf die Gewinnung von objektivem Wissen gerichtet ist und alles Wissen in Gottes Wissen zusammengefaßt und geordnet ist, ist Gottes Wissen Wahrheit. Alle Wahrheiten haben Gott als oberste Prämisse und alle anderen Wahrheiten sind vernetzt nach dem logischen Gesetz von Prämissen und Schlußfolgerung.

Nur Gott hat den absoluten Überblick über alles Wissen. Gottes Wissen ist Weisheit, insofern er sein Wissen für seine Heilspläne einsetzt. Die Weisheit Gottes übersteigt die Erkenntnisfähigkeit des Menschen unendlich. Wenn der Mensch Anteil an Gottes Weisheit haben möchte, dann erhält er sie in dem Maß, wie Jesus Christus, in dem "alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis" verborgen sind (Kol 2,3), in ihm durch den Heiligen Geist wirksam ist.

E. Menschliche und göttliche Weisheit

Niemand wird bestreiten, daß in religiösen Dingen nicht menschliche, sondern göttliche Weisheit vonnöten ist. Allerdings scheinen sich viele wenig Gedanken über den Unterschied zwischen beiden zu machen, weswegen er hier erklärt werden muß:

Jeder Mensch macht die grundlegende Erfahrung, daß er die Freiheit besitzt, im Rahmen seiner Lebensumstände sein Leben nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, das eine abzulehnen, ein anderes für sich zu bejahen. In allen Leistungen, die er durch sein Wollen hervorbringt, erfährt er seine Identität, d.h. sein individuelles, unverwechselbares Ich-Bewußtsein. In dieser Ich-Erfahrung neigt der Mensch dazu, seine Freiheit und damit seine ganze Existenz als eine voraussetzungslose Gegebenheit zu betrachten.

Das Ich-Bewußtsein ist einem ständigen Selbstbehauptungsprozeß ausgeliefert, indem es nach Anerkennung für seine Leistungen durch Andere strebt. Ein solcher Ehrgeiz hält Ausschau nach Betätigungsfeldern, die Ansehen genießen und der eigenen Anstrengung Anerkennung versprechen. Es leuchtet ein, daß ein solches Ich-Bewußtsein mehr sich selbst als der Wahrheit dient. Wenn es sich aber selber dient, fällt es ihm schwer, wenn überhaupt, die Leistungen anderer Menschen anzuerkennen (es sei denn auf gegenseitiger Interessenbasis). Dies gilt sowohl für Persönlichkeiten der Gegenwart als auch der Vergangenheit.

In Wirklichkeit ist die Freiheit und das Leben des Menschen nicht voraussetzungslos, sondern ein fortwährend gewirktes Geschenk Gottes, das aus dem Nichts ins Dasein gerufen wurde. Aus dieser Sicht ist auch der freie Wille, der mit der Gnade mitwirkt, ein Geschenk. Die Verdienste der Gnade, die sich der Mensch erwirbt, sind Ausfluß der Verdienste Christi. Daher sagt Paulus: "Wer sich rühmen will, rühme sich des Herrn" (2Kor 10,17).

Der Mensch nun, der sich auf seine eigenen Erkenntnisse stützt, sieht Gott als ein Gegenüber. Er macht sich ein Bild von Gott. Sein Gegenüber empfindet er als jemand, der seine individuelle Freiheit potentiell beschneidet. Für seine Leistungen erwartet er von den Menschen Lohn und Anerkennung. Individualismus in diesem Sinn ist instinktgesteuerte Selbstbehauptung der Freiheit.

Ein Mensch also, der seine Freiheit als naturgegeben ansieht und seine Leistungen nur seinen eigenen Fähigkeiten zuschreibt, erwirbt nur irdische Weisheit. In seinem Verhältnis zu Gott neigt er er dazu, Blockaden des "Ich will nicht dienen" zu errichten.

Der Mensch hingegen, der sich bewußt ist, daß er nichts, Gott aber alles ist, beurteilt alles von Gott her. Er sieht seine gesamte Existenz von Gott getragen und sagt mit Paulus "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Er macht ein Bild von sich von Gott her. Individualismus in diesem Sinn ist Ausrichtung der eigenen Freiheit auf die Pläne Gottes hin. Denn Gott beruft den einzelnen Menschen dazu, eben den Platz im Aufbau des Gottesreiches einzunehmen, den nur er ausfüllen kann.

Nun ist das Reich Gottes identisch mit der Kirche, die Jesus Christus gegründet hat. Die Kirche aber ist der 2000-jährige mystische Leib Christi (Kol 1,24). Der Christ kann dem Reich Gottes nur dann mit seiner ganzen Freiheit dienen, wenn er sich eins weiß mit dem Wirken des Heiligen Geistes während der langen Geschichte der Kirche. Das Wirken des Heiligen Geistes ist besonders erkennbar in der Formulierung dogmatischer Lehraussagen und im Leben heiliger Männer und Frauen, die in der Nachfolge Jesu Großes geleistet haben und die sich jeder Gläubige zum eigenen Vorbild nehmen kann.

F. Die induktive und deduktive historisch-kritische Methode

Die historisch-kritische Methode als Gegenpol zum dogmatischen Deutungsverfahren kann induktiv und deduktiv betrieben werden. Der induktive Weg ist der übliche und scheinbar wesensgemäße, er ist halb methodisch, halb unmethodisch. Methodisch ist er, insofern ein Einzelgebiet der Exegese, z.B. die stilistischen Eigenarten eines Evangelisten, systematisch untersucht werden. Die Ergebnisse werden den philologischen Fähigkeiten des Exegeten und der Beharrlichkeit seiner Wahrheitssuche entsprechen.

Unmethodisch ist der induktive Weg aus drei Gründen:

1. Das untersuchte Teilgebiet steht in einem nicht streng definierten Zusammenhang zum gesamten Funktionsgefüge der Exegese, bzw. der Exeget kennt für sich gar kein definiertes Funktionsgefüge. Da die Fragestellungen nicht vom Gesamtgefüge her gesteuert und abgestimmt werden, besteht immer die Gefahr der Unschärfe, der Subjektivität und Einseitigkeit und dementsprechend auch der Ergebnisse. So wird beispielsweise die Bedeutung der Tempelreinigung für den Entschluß des Synedrions, Jesus zu beseitigen, zu punktuell angesetzt, da diese Absicht aus den Evangelien schon lange vor diesem Zeitpunkt erkennbar wird.

2. Die durch das induktive Verfahren gewonnenen Schlußfolgerungen können zu einer exegetisch jeweils höheren Ebene führen, aber nicht das gesamte Funktionsgefüge errichten, da menschliches Denken ohne die Selbstoffenbarung Gottes die oberste Seinsebene nicht erreichen kann.

3. Der Exeget des induktiven Verfahrens macht seinen persönlichen Glauben nicht zum prinzipiellen Wahrheitskriterium seiner Forschungsarbeit. Er richtet sich nach der aktuellen Forschunglage und beteiligt sich unter mehr oder weniger reflektiertem Einfluß seines Glaubens am Forschungswettstreit.

Modellhaft für das deduktive Verfahren kann der hymnische Prolog des Johannesevangeliums gelten. Oberste Prämisse ist Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und alles irdische Geschehen nach seiner Weisheit lenkt. Das Wort Gottes, wesensgleiches Abbild und einziger Sohn des Vaters, nahm in Jesus menschliche Gestalt an. Er ist das "wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9). Wer sich vom "strahlenden Licht aus der Höhe" (Lk 1,78) erleuchten läßt, für den gibt es keine wirkliche Trennung zwischen Irdischem und Überirdischem. Denn der Geist Gottes erfüllt alles Geschaffene mit Leben. Irdisches und Überirdisches bilden zusammen die Ganzheit der göttlichen Ordnung.

Der Exeget des deduktiven Verfahrens vergleicht sein Aufgabenfeld mit einem Lichtkegel, der von seiner Spitze bis zur Erde alle Höhenschichten in einer homogenen Ordnung durchläuft und durchleuchtet. Vom Glauben an eine hierarchische Ordnung seiner Untersuchungsgegenstände durchdrungen, weiß er sich selbst in den letzten Verästelungen von Detailfragen von der göttlichen Weisheit erleuchtet. Er wahrt die Hierarchie lehramtlicher Prämissen und versucht, in ihrem Licht jeweils ausstehende Probleme zu lösen. Er begegnet den biblischen Gestalten als lebendigen Menschen nach dem Maß seiner Christusförmigkeit. Indem er sein Bewußtsein auf die Spitze des Lichtkegels, die absolute Wahrheit, richtet, wird ihn der Heilige Geist an alles in der Schrift erinnern (Joh 14,26), was er für die Lösung seiner Aufgaben braucht.

G. Der Exeget und die biblischen Gestalten

Bei der Beschäftigung mit den neutestamentlichen Schriften hat es der Exeget hauptsächlich mit vier Arten von Bewußtsein zu tun: 1. mit seinem eigenen Bewußtsein, 2. mit dem der Evangelisten und übrigen Autoren des NT, 3. mit dem Bewußtsein Jesu und 4. mit dem seiner Anhänger, besonders der Apostel. Da das Bewußtsein die Grundhaltung darstellt, von der aus Urteile gebildet werden, muß der Exeget sein Bewußtsein hinsichtlich seiner Forschungsgegenstände auf das Bewußtsein der Personen ausrichten, die ihm in den neutestamentlichen Schriften begegnen.

Der Theologe neutestamentlicher Einleitungswissenschaft wird beispielsweise den Evangelisten Markus, den Verfasser des frühesten Evangeliums (ca. 70), befragen:

"Aus welchem Bewußtsein heraus entschließt du dich, einen Bericht über Leben und Wirken Jesu zu verfassen?"

Markus könnte ihm etwa so antworten:

"Mich veranlassen unausweichliche Umstände dazu. Ich war zeitweise Begleiter von Paulus und Petrus und habe ihr Zeugnis von Jesu Heilsbotschaft in mich aufgenommen. Beide Apostel haben ihr Zeugnis für Jesus mit dem Leben bezahlt. Christliche Gemeinden haben mich gebeten, bereits bestehende Texte und Überlieferungen sowie mein eigenes Wissen zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden. Unter der Leitung des Hl. Geistes, den ich wie auch meine Mitbrüder empfangen habe, ordne ich den Stoff in drei Teile und stelle in knapper Form alles Wesentliche dar, was der Christ zu seinem Glauben an Jesus, den Messias, braucht. In Verantwortung vor dem Allerhöchsten habe ich alles so wahrheitsgemäß wie möglich berichtet. Dir, verehrter Exeget, möchte ich empfehlen, nicht mehr wissen zu wollen, als was ich selbst weiß."

Der Exeget wird also die Situation der christlichen Gemeinden in seine Forschungen über das Markusevangelium miteinbeziehen. Er wird bedenken, daß die Gemeindemitglieder den Hl. Geist empfangen haben und sie zur Feier der Eucharistie zuverlässige Texte benötigen. Indem sie von den Worten und Taten Jesu hören, wird sein Geist in ihnen genährt und gestärkt.

Wie mächtig der Geist Jesu im Evangelisten wirkte, kann der Exeget nicht unmittelbar erfahren, sondern wird es erschließen müssen. Er ist aber aufgerufen, dem Sohn Gottes im Text des Evangeliums selbst zu begegnen. Er kann versuchen, dies kumulativ durch Lesen vieler Einzelstellen zu erreichen. Er kann aber auch von der Ganzheit seines bereits bestehenden Glaubens ausgehen und die Frage stellen: Was für ein Mensch muß dieser sein, der als zweite göttliche Person menschliche Gestalt annimmt und auf die Menschen zugeht. Er wird doch wohl mächtiger als Alexander oder Cäsar sein. Diese haben große Heere angeführt und glänzende Siege erfochten, aber einen Sturm zu besänftigen oder einen Toten zum Leben zu erwecken vermochten sie nicht. Seine geistige Überlegenheit wird so groß sein, daß ihm kein Gegner an Argumenten gewachsen ist. Wenn dieser Jesus Gott selbst ist, dann sind seine Gedanken und Worte Wahrheit und seine Wundertaten sind wirklich geschehen, da der, durch den alles geworden ist (Joh 1,3), die Macht dazu hat. Wenn er aber die Macht dazu hat, wer kann ihm dann eine seiner Taten absprechen? Damit erübrigt sich die Frage, ob die Vorstellung des Evangelisten über Jesus mit der historischen Wahrheit übereinstimmt. Denn Vorstellung ist ein anderes Wort für Bewußtsein oder Gedanken und wie kann Wahrheit im Menschen anders vorhanden sein als im Bewußtsein, im Gedanken und in der Vorstellung? – Schließlich kann der Exeget noch die Frage stellen: Warum wohl läßt sich ein so mächtiger Mann verurteilen und kreuzigen?

Wie verhält sich das Bewußtsein des Evangelisten zum Bewußtsein der Apostel? Insofern Jesus das absolute Bewußtsein ist und seine messianische Vollmacht und sein Selbstverständnis durch angemessene sprachliche Mittel dargestellt wird, steht das Bewußtsein der Apostel in Abhängigkeit von dem ihres Meisters. Von ihm werden sie in der Lehre vom Reich Gottes unterrichtet. Darin erweisen sie sich einerseits als eifrige Schüler, andererseits sind sie noch im national-messianischen Denken ihrer Vorfahren verhaftet. Sie sind Kronzeugen eines falschen und nach der Aussendung der Heiligen Geistes des wahren messianischen Denkens. Dieser grundlegende Unterschied betrifft nicht nur – wie der hl. Paulus in seinen Briefen darlegt – den Gegensatz zwischen alttestamentlichem Gesetz und Glaube aus Gnade, sondern noch radikaler die Polarität von Fleisch und Geist, von weltlichem und geisterfülltem Denken. Die Evangelisten vollziehen diesen geschichtlichen Wandel innerlich mit und identifizieren daher ihr Bewußtsein in hohem Maße mit dem der Apostel.

Das Bewußtsein der Gegner Jesu wird von den Evangelisten nicht thematisiert. Ihre Todfeindschaft gegenüber Jesus muß aus den Berichten plausibel erschlossen werden: Für die Mitglieder des Synedrions war Jesus unstandesgemäß ein Handwerker aus Galiläa, der nicht die hohe Schule der Jerusalemer Theologie studiert hatte. Er verkündete eine neue Lehre und bekräftigte sie durch Wunder, die ihm die Menschen scharenweise zuführten. Er hielt sich nicht an den Buchstaben ihrer vielen Gesetze, die sie für alle Menschen verpflichtend machten. Der Messias ihrer Vorstellung sah ganz anders aus. Da sie nicht bereit waren umzudenken, sahen sie in Jesus zunehmend einen unerträglichen Störenfried ihrer politisch-religiösen Ordnung, den sie unbedingt unschädlich machen wollten.

H. Die alten und die neuen Schriftgelehrten

Wie steht es mit den modernen Schriftgelehrten? Sind sie viel besser als die, die zur Zeit Jesu dozierten? Stellen sie nicht hochmütig ihr Bewußtsein über das der Evangelisten, bisweilen sogar über das Bewußtsein von Jesus selbst? Unterstellen sie den Evangelisten nicht, daß ihre Vorstellung von Jesus eine andere gewesen ist, als Jesus in Wirklichkeit war? Sind sie nicht wie ihre Vorgänger um Ehrenplätze bemüht und heulen nicht viele von ihnen im Chor ihrer Zunft die Terminologie des theologischen Zeitgeistes?

Wenn Jesus einen beliebigen Schriftgelehrten von heute fragte: "Was halten die Leute vom Menschensohn," würde dieser etwa sagen:

"Die meisten halten dich für einen Religionsstifter wie Buddha oder Mohammed. Unter den Theologen verbreitet sich die Auffassung, daß du gar keine Kirche stiften wolltest. Die Zeitschriften, die dich zu christlichen Festen ab und zu erwähnen, halten dich für einen gescheiterten Rabbi, den erst seine Anhänger zum Erfolg verhalfen."

Nachdem dies ein bestimmter Schriftgelehrter gesagt hat, fragt ihn Jesus:

"Und du, lieber Hubert Frankemölle 1), für wen hältst du mich?"

Da antwortet der Theologe aus Paderborn ohne Zögern:

"Du bist der Messias der Sohn des lebendigen Gottes Matthäus 16 16."

"Gut hast du dir diese Stelle gemerkt. Aber warum stempelst du mich dann als 'armen Wanderpropheten' (S.113) ab? Kannst du nicht so formulieren, daß es meine Aufgabe war, allen Menschen die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden?"

"Nun, Herr, verstehe mich richtig, vom Standpunkt der historisch-kritischen Methode ist das ein terminus technicus deines öffentlichen Wirkens," rechtfertigt sich der Neutestamentler ehrerbietig.

"Und warum schneidest du meinen Evangelisten Matthäus und Lukas die Ehre ab, indem du meinen Geburtsort Betlehem als 'historisch fragwürdig' bezeichnest und sophistisch zwischen 'Theologie in Erzählungen und historischem Wissen' (S.97) unterscheidest?"

"Den Ausdruck 'historisch fragwürdig' habe ich, wie du siehst, in Anführungszeichen gesetzt, denn ich habe ihn vom Kollegen Schürmann übernommen," verteidigt sich der Professor.

"Ich möchte dir für den Augenblick nicht noch noch mehr Fragwürdiges aus deinen gelehrten Ausführungen vorhalten, sondern dir zu bedenken geben, ob nicht dein Denken durch die historisch-kritische Methode ebenso gefangen ist wie das deiner früheren Kollegen durch ihre Gesetzesvorschriften. Achte in Zukunft darauf, daß du nichts sagst oder schreibst, was meine Heiligkeit und Göttlichkeit schmälert." –

Hier endet die fiktive Szene. Vielleicht sollte jeder Bibelwissenschaftler gegen schleichenden Glaubensschwund einmal am Tag (andächtig) das Glaubensbekenntnis beten. Schon der alttestamentliche Mensch erkannte, daß der Anfang der Weisheit die Gottesfurcht ist (Ps 110,10; Sp 1,7; 9,10; Sir 1,14). Gottesfurcht heißt, den Anspruch Gottes auf den Menschen gewissenhaft zu beachten. Die höchste Form, diesem Anspruch gerecht zu werden, geschieht in der Entscheidung der menschlichen Freiheit und im bereitwilligen Antworten auf Gottes Anruf selbst, ihn anzubeten und sich durch das Gebet seinem Willen zur Verfügung zu stellen. Daher seien einige Psalmenverse (aus 8, 69, 104, 142, 145), stellvertretend für viele andere, als Gebet angefügt:

Herr, unser Gott, wie wunderbar ist auf der ganzen Erde dein Name,

über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.

Groß bist du und gewaltig an Kraft, unermeßlich ist deine Weisheit.

Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht.

Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst,

des Menschen Sohn, daß dir an ihm liegt?

O Gott, du kennst meine Torheit,

und meine Vergehen sind nicht verborgen vor dir.

Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott,

du bist langmütig, reich an Huld und Treue.

Lehre mich, deinen Willen zu tun,

denn mein Gott bist du.

Ich will dich preisen Tag für Tag und deinen Namen loben immer und ewig.

 

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1) Hubert Frankemölle (Hg.), Lebendige Welt Jesu und des Neuen Testaments, Herder 2000 (bei Amazon noch antiquarisch erhältlich). Lesenswert ist der Artikel von Karl Löning, Das Frühjudentum als religionsgeschichtlicher Kontext des Neuen Testaments.

 

Erstellt: April 2004

 

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