Das SATOR-Quadrat in der Palästra von Pompeji

TEIL1: Grundlagen und Details

I. Entdeckung und Beschreibung

II. Deutung und Zuordnung

III. Römische Gematrie

IV. Gematrische Aspekte der Inschriften

a) ZS+FS des SQ und der Begleitinschriften

b) Zuordnung der DM- und Radialelemente

c) Die Zahl der verschiedenen Buchstaben in SQ und BI

V. Deutung der zwei Begleitinschriften

VI. Gematrische Eigenschaften des AESCULAPIUS

I. Entdeckung und Beschreibung

1.      Über das SATOR-Quadrat (SQ) habe ich seit 2001 zahlreiche Beiträge verfaßt. Hier geht es um das SQ, das 1936 in einer Säulenvertiefung (Kannelure) der großen Palästra von Pompeji entdeckt wurde. Das Besondere an diesem bedeutenden Fund ist, daß er von zwei Ritzungen über und unter dem Quadrat eingerahmt ist. Leider gibt es keine photographische Wiedergabe der obersten Zeile, weswegen eine grafische Nachbildung der Photographie der übrigen Inschrift zur Seite gestellt sei, die sich in dem Artikel "Inscriptiones Pompeianae", Notizie degli Scavi di Antichità 1939 (N.S.), S.264 findet:

Qu. SATOR, Gran Palestra Pompei

Satorquadrat in der Palästra von Pompeii

Internetrecherchen zu lateinischen Inschriften können durchgeführt werden unter EDH und EDR.

2.      Für den Verfasser dieses Artikels, Matthaeus DELLA CORTE (1875-1956), steht, unter dem Eindruck des ein Jahrzehnt zuvor gefundenen PATERNOSTER-Kreuzes, außer Zweifel, daß das SQ christlichen Ursprungs ist. Er wiederholt diese Auffassung im Supplementband 3 des "Corpus Inscriptionum Latinarum"(CIL) Bd. IV, Nr. 8623, S.902, während der französische Archäologe Alfred MERLIN (1876-1965) in "L'Année Epigraphique" (LE) 1946, S. 75 die Entstehung des SQ auf orphische oder eleusinische Einflüsse zurückführt und dazu bemerkt, daß es im Christentum deshalb gerne aufgegriffen wurde, weil SATORSämann auf Jesus Christus bezogen werden konnte.

In LE ist das Ensemble der drei Inschriften in 11 Zeilen und in Druckbuchstaben untereinander gesetzt. Das keilförmige Dreieck wird als Delta (D) wiedergegeben, jedoch mit dem darüber befindlichen S als Inititale D für SALUTEM DICITer grüßt gedeutet.

3.      DELLA CORTE weist in N.S. S.263 die drei Inschriften einem einzigen Schreiber zu, spätere Interpreten bezweifeln dies. Die folgenden Ausführungen werden zeigen, daß der Rahmentext auf das SQ ausgerichtet ist, also eine inhaltliche Einheit bildet.

Die Höhe der Buchstaben beträgt 6-7 mm, das einzelne S mißt 20 mm (N.S. ibid.).

4.      Das SQ ist von oben nach unten geschrieben. Nach OPERA dachte der Schreiber offensichtlich an die Umkehrung und schrieb AREPO, merkte aber dann, daß erst TENET an der Reihe war. So ist wohl die eigenartige Schreibung der Mittelzeile zu erklären. Der erste Buchstabe A ist noch relativ gut zu erkennen, weiterhin der schräge Abstrich des R. Auch die übrigen drei Buchstaben NET scheinen über eine Erstritzung durch verstärkten Druck geschrieben.

5.      Die beiden Begleitinschriften (BI) bestehen wie das SQ aus 25 Buchstaben, die untere aus 14, die obere aus 11 Buchstaben. Ebenfalls 14 Buchstaben nimmt das zweimal genannte Wort SAUTRAN ein.

Nicht beachtet wurde bisher, daß in das Dreieck ein T eingeritzt wurde und sich nach dem Wort ANO ein umgekehrtes T befindet.

II. Deutung und Zuordnung

1.      Das Auffälligste an den beiden Inschriften ist die sonst nirgends belegte zweimalige Wortbildung SAUTRAN (SAVTRAN). Die Lautähnlichkeit von SAUTRAN und SATOR ist offensichtlich, selbst die Reihenfolge der Buchstaben ist identisch. Dem Urheber der Ritzungen war die Vorstellung geläufig, daß in S-förmiger Leseweise zweimal, von unten links und oben rechts, jeweils drei Wörter bis zur Mittelzeile gleich zu lesen sind:

S A T O R

O P E R A

T E N E T

Bei dieser Lesart bleibt die Rückwärtslesung ROTAS und AREPO unberücksichtigt.

2.      Dem Namen SAUTRAN fehlt die grammatikalische Endung. Erst wenn man die sieben Buchstaben zu SANATURer wird geheilt umstellt, erschließen sich Konstruktion und Sinn der Wortgebilde, die das SQ umgeben.

Daß es sich bei dem Wort um ein Anagramm handeln könnte, ist von keinem Archäologen in Erwägung gezogen worden. DELLA CORTE meinte, es müßte sich um einen Namen SATURANUS handeln, bei dem das T und U vertauscht wurden (S.263). Er bleibt bei dieser Interpretation auch in der Auflistung aller Vornamen, die auf Inschriften in der großen Palästra gefunden wurden (S.325).

Die Passivform SANATUR ist eine Erweiterung der aktiven Form SANATer heilt. Bildet man aus den 25 Buchstaben des Rahmentextes ein Buchstabenquadrat nach dem Muster des SQ, wird die passive Endung abgetrennt.

3.      Wenn das SATOR-Quadrat in die Mitte der beiden Begleitinschriften gestellt ist, wird der Heilende von göttlichem Rang sein. Als ausgesprochener Heilgott kommt nur AESCULAPIUS in Frage, dem in Pompeji in der Nachbarschaft der Göttin Isis ein Tempel geweiht war. Es ist anzunehmen, daß dem Äskulapkult Mysterien angeschlossen waren, von denen die Eingeweihten Heilung an Leib und Seele erhofften. Das Anagramm SAUTRAN würde dann einen Eingeweihten bezeichnen, der sein Wohlergehen ganz den Heilkräften Äskulaps anvertraut hat.

4.      Wie im folgenden durchgehend zu sehen sein wird, bildet die Gesamtinschrift eine stimmige Zahlenkonstruktion. Die 11 Buchstaben des Namens AESCULAPIUS sind Veranlassung für die strukturelle Ordnung von 3+5+3 Zeilen bzw. Wörtern.

Da die beiden Rahmeninschriften an sich verfremdende Elemente enthalten, sind sie offen für weitere Veränderungen. Diese könnte der Schreiber entweder übernommen oder sich selbst ausgedacht haben. Er hat demnach zwei Wörter als eine Zeile geschrieben und ein Wort in zwei Einzelbuchstaben untereinander geschrieben. Diese Schreibung hat, wie weiter unten ausgeführt, auch eine gematrische Zielsetzung.

5.      Das überdimensionierte S der Mittelzeile weist zunächst auf die Schlange, das Attribut Äskulaps, hin. Nun wurde mit AESCULAPIUS auch seine Tochter HYGIAdie Gesundheit verehrt, deren Rolle in Italien SALUSGesundheit, Heil, Rettung übernimmt. Als in den Jahren 182-180 v.Chr. eine Pest in Italien wütete, wurden in Rom drei Generationen von Heilgottheiten Weihegeschenke gelobt: APOLLO, seinem Sohn AESCULAPIUS und seiner Tochter SALUS, wie der Historiker LIVIUS in seinem Geschichtswerk 40,37 berichtet.

SALUS wird häufig dargestellt, wie sie einer Schlange eine Futterschale hinhält:

Der Schreiber des Graffito dachte also bei der Grußformel SD an die Göttin SALUS selbst, indem er das S vergrößerte und es so als Schlangenattribut der Göttin kenntlich machen wollte.

6.      Die zweimal drei Zeilen bzw. Wörter der Begleitinschriften haben folgende parallele Struktur:

SAVTRAN

VA

SD

SAVTRAN

ANO

VALE

Den identischen Anfangswörtern entsprechen zwei Grußformeln am Ende: SD als Abkürzung von Salutem Dicit und VALE. Die Bedeutung von VA als gebräuchliche Kurzform von VALE scheidet wegen des Vorrangs von SD aus. Vielmehr sind Form und Bedeutung durch ANO bestimmt. Dem Ablativ AN-O entspricht die Ablativform V-A der a-Deklination. VA und ANO erweisen ihre Zusammengehörigkeit durch eine enge gematrische Verflechtung. Die Nebeneinanderstellung von VA SD stellt eine Verfremdung dar, wie sie für orakelhafte Mysterientexte kennzeichnend ist.

Will man die beiden SAUTRAN mit einer Endung versehen, ist sie bei ersterem –US, bei letzterem –E. Die Hinzufügung der Endungen erweist sich als mitgeplanter Aspekt der gematrischen Konstruktion.

III. Römische Gematrie

1.      In der Aussage SATOR OPERA TENETDer Schöpfer erhält seine Werke kommt die Überzeugung des Urhebers des SQ zum Ausdruck, daß Gott sich um seine Schöpfung kümmert und auf eine solche Weise in ihr wirkt, daß er sie in der Vollkommenheit ihrer gewollten Ordnung erhält.

Auch der Mensch der römischen Geschichte erkennt sich in die Schöpfungsordnung einbezogen. Er vertraut darauf, daß Gott von ihm Unheil fernhalten und ihm zu seinem Heil verhelfen möchte. Er ist überzeugt, daß Gott seinen Heilswillen durch Zeichen zu erkennen gibt. Diese Zeichen gilt es zu erforschen. Wenn das Dezimalsystem mit seinen kreisförmigen Umdrehungen eine göttliche Ordnung widerspiegelt, können die Bedeutungen der fortlaufenden Zahlen nicht nur erkannt, sondern auch auf die Buchstaben des Alphabets entsprechend ihrer Zahlenposition übertragen, die Zahlensummen von Wörtern ermittelt und ganze Texte nach numerischen Gesichtspunkten gestaltet werden.

Der Ort für die Genese eines solchen Zusammenhangs zwischen Zahl und Buchstabe sind religiöse Kulte, in denen sich göttliche Offenbarung ereignen kann. Sobald sich die Überzeugung religiöser Auserwählung und politischen Herrschaftsauftrags im römischen Bewußtsein gebildet hatte, nahm man alle neuen Zeichen und Ereignisse als göttliche Fügung auf und entwickelte aus der Erkenntnis ihrer Bedeutung kreative Gestaltungskräfte.

Unter diesem Gesichtspunkt deutbarer Zeichen ist auch der Name des Heilgottes AESCULAPIUS zu sehen. Seine Bedeutung erschließt sich aus seinen gematrischen Eigenschaften. Die aus dem Namen gewonnenen Erkenntnisse ließen Beziehungen zum SQ erkennen und führten schließlich zum Wortlaut der beiden Graffiti.

2.      Die Römer waren überzeugt vom umfassenden Wirken Gottes in der menschlichen Geschichte. Demnach enthielt jede Kultur Zeichen göttlicher Weisheit, die sich wie ein Orakel offenbaren konnten. Was sie für ihre eigene Sprache und das lateinische Alphabet beanspruchten, das entnahmen sie komplementär auch aus griechischer Sprache und griechischem Alphabet. Daher konnte der Schreiber das D als Delta-Dreieck wiedergeben, und griechische Wörter wie URANÓS Himmel und SOTÉRRetter konnten als kulturübergreifende Heilsbotschaft verstanden werden.

3.      Von gleicher Bedeutung wie die Zahlenwerte (ZW) der Buchstaben bzw. Zahlensummen (ZS) der Wörter sind die Faktorenwerte (FW) bzw. Faktorensummen (FS). Auf diese Weise kommen vielfältige Beziehungen zustande. Die ZS+FS von ANO durch den Ring z.B. ist 28+23 = 51, gleichzeitig die ZS von ROTARad. Eine Rolle spielen auch die Differenzsummen zwischen FS und ZS, hier 23+5 = 28.

IV. Gematrische Aspekte der Inschriften

a) ZS + FS des SQ und der Begleitinschriften

Das SQ und die beiden Begleitinschriften haben folgenden Zahlen- und Faktorenwerte (FW):

 

ZS

FS

sm

SATOR-Quadrat

303

249

552

SAUTRAN VA SD

132

90

222

SAUTRAN ANO VALE

154

117

271

 

589

456

1045

456:589 = 19*(24:31) = 5*11*19

132:154 = 22*(6:7) = 2*11*13

 

Die Faktoren 11 und 19 setzen sich zusammen aus den Durchmesser- und Radialelementen 5+6 des einfachen Kreises und 9+10 eines Doppelkreises, der den Tetraktysstern enthält. Der Doppelaspekt ist darstellbar in einem Achsenkreuz:

Die Einzelziffern der Verhältniszahlen 24 und 31 weisen auf 2 und 4 Radiallinien im Doppelkreis des Tetraktyssterns hin, denen – hier chiastisch – das Flächenverhältnis 1:3 entspricht:

b) Zuordnung der DM- und Radialelemente

1.      Wenn jeweils die Mittelzeile der Begleitinschriften als Mittelpunkt betrachtet, beträgt ihre ZS+FS das Dreifache der ZS des Wortes TENET des SQ:

 

ZS

FS

sm

TENET

61

61

122

S+SAVTRAN

107

76

183

 

168

137

305

122:183 = 61*(2:3)

2.      Zahlenverhältnisse ergeben sich auch, wenn man die äußeren Zeilen der oberen Begleitinschrift den Wörtern OPERA/AREPO zuordnet, die die Radiallinien einer Kreisachse repräsentieren, und die der unteren den Wörtern SATOR/ROTAS:

 

ZS

FS

sm

OPERA/AREPO

104

80

184

SAVTRAN VA+D

114

82

196

 

218

162

380

184:196 = 4*(46:49) = 4*95 = 20*19

SATOR/ROTAS

138

108

246

ANO+VALE

65

49

114

 

203

157

360

246 = 6*41; 114 = 6*19

380:360 = 20*(19:18) = 20*37

Aus 37 Elementen besteht eine Tetraktys (10 Punkte +9 Flächen und 18 Linien). Da die Summen 380 und 114 durch 19 teilbar sind, wird man zunächst die Summen der Mittelpunkte 305 und der Außenpunkte des SQ 246 zu 551 = 29*19 addieren und 6*19 zu 35*19 hinzufügen. Der Zahl 29 entsprechen die Buchstaben IV mit den ZW 9 = 4+5 und 20 = 4*5, eine mathematische Aufteilung, die besonders die 4 Seiten und Achsen eines Quadrats Qu5 kennzeichnen:

Der Faktor 6 entspricht dem numerischen Wert der Buchstaben IV als Zahlzeichen.

Faßt man die Summen der Radiallinien (4) einerseits und die der Mittelpunkte (3) sowie der Kreislinienpunkte (4) andererseits zusammen, ergibt sich das Verhältnis 380:665 = 95*(4:7):

Den Faktoren 5*19/19*5 = 95 entsprechen die Buchstaben ET/TE, die im TENET-Kreuz eine entscheidende Rolle spielen. Ihren geometrischen Ort haben diese Zahlen in der Numerierung eines Doppelrautenkreuzes, das an den Enden (5-19) zu einem Oktaeder zusammengefügt werden kann. (Die Addition mit der zusätzlichen Null ergibt bei 50+19 die ZS von SATOR!)

c) Die Zahl der verschiedenen Buchstaben in SQ und BI

1.      Die Zahl 11 ist auch Leitzahl für die Anzahl der verschiedenen Buchstaben:

SQ

A

E

O

 

 

 

N

P

R

S

T

8

BI

A

E

O

V

D

L

N

 

R

S

T

3

ZW

 

 

 

20

4

11

 

15

 

 

 

 

Zu den 8 Buchstaben des SQ kommen noch weitere 3 hinzu. Das P fehlt in den BI, sein ZW 15 wird ausgeglichen durch die Buchstaben DL, zur ZS des SQ kommt also nur der ZW 20 des V hinzu.

Die 8 zu 3 Buchstaben entsprechen 2*4 Symmetrieelementen und 1+2 Mittelpunkten der DM- und Radialelemente der Kreisachse:

2.      Die ZW+FW der Inschriften sind:

 

SQ

A

E

O

 

 

 

 

N

P

R

S

T

 

8

ZW

1

5

14

 

20

 

 

13

15

17

18

19

82

102

FW

1

5

9

 

15

 

 

13

8

17

8

19

65

80

 

 

 

 

 

35

 

 

 

 

 

 

 

147

182

 

BI

A

E

O

V

 

D

L

N

 

R

S

T

 

10

ZW

1

5

14

20

40

4

11

13

 

17

18

19

82

122

FW

1

5

9

9

24

4

11

13

 

17

8

19

72

96

 

 

 

 

 

64

 

 

 

 

 

 

 

154

218

 

 

 

 

 

99

 

 

 

 

 

 

 

301

400

80+96 = 176; 102+122 = 224; 176:224 = 16*(11:14)

24:72 = 24*(1:3); 80:96 = 16*(5:6); 147:154 = 7*(21:22)

Die Summe 218 ist eine Umkehrung der Summe 182 und entspricht in den Einzelziffern dem oben genannten Doppelaspekt von 3:8 Kreisachsenelementen.

Zu den Zahlen 11 und 14 verweise ich auf die Bedeutung der Zahl 154. Die Produktzahlen 16*25 = 400 sind beziehbar auf 25 Punkte und 16 Einzelquadrate des SQ.

3.      Von besonderer Bedeutung sind die ZS 122 und die FS 96 der BI. Die Summe 122 entspricht zweimal der ZS 61 des Wortes TENET, 96 zweimal der ZS der spiegelbildlichen Silben TE–ET. Die Differenzsumme 26 bezeichnet die Eliminierung von zweimaligem N des Mittelpunktes. Die zweimal gleiche Aussage richtet sich demnach an den einzelnen Menschen etwa in folgender Weise: Der Schöpfer erhält seine Werke und da DU zu seinen Werken gehörst, TENET ET TEHÄLT ER AUCH DICH. Das auf das T gerichtete Dreieck der oberen Inschrift könnte auf diesen besonderen Umstand hinweisen.

Teilt man die ZS+FS 218 in zweimal 109, kann man sich das TENET-Kreuz einmal als ZS und einmal als FS vorstellen.

V. Deutung der zwei Begleitinschriften

1.      Nach dem Sinn ihrer Zugehörigkeit sind die beiden BI folgendermaßen zu ordnen:

SAVTRAN

VA

SD

SAVTRAN

ANO

VALE

Die Buchstaben VA sind eine Kurzform für VALELebe wohl! Während sich die volle Form nur selten findet, legt die Häufigkeit der Kurzformel nahe, daß es sich weniger um einen Abschiedsgruß, sondern um einen normalen Gruß oder Wunsch handelt: Sei gegrüßt! Möge es dir gut ergehen! Der Angesprochene steht im Vokativ, ein männlicher Adressat auf –US hat die Vokativform –E, wie z.B. in dem pompeianischen Grafito CIL 04, 01833:

CRISPE VA,

während die folgenden zwei zusammengehörigen Inschriften auf derselben Säule (N.S. S.262) zwei weibliche Vornamen bezeichnen:

MYSTICE VA (109+71)

CHLOE VA (62+44)

Die ZS+FS 171+115 = 286 = 2*11*13 ist identisch mit der ZS der beiden BI und dem PATER NOSTER-Kreuz und daher in die folgenden Überlegungen einzubeziehen.

2.      Für sich gesehen repräsentieren die Buchstaben AV entweder zwei gegenstrebige Tetraktys oder sie stehen sich spiegelbildlich in der Raute gegenüber, die aus zwei Dreiecken zu je 7 Elementen, zusammen jedoch aus 11 Elementen besteht. So ist wohl auch der Doppelaspekt von 14+11 (4-3-4) zu verstehen:

Gematrisch entsprechen die beiden Buchstaben VA (20+1) einer Doppelraute aus je 10 symmetrischen Elementen und dem Mittelpunkt.

Ein Oktaeder, den man aus zwei Doppelrauten bilden kann, läßt zunächst von oben nach unten ein A und ein V erkennen. Das V setzt sich auf der Gegenseite fort und endet wieder mit einem A. Eine gleiche zweite Bahn von zwei Rauten (im folgenden Beispiel perspektivisch rechts oben beginnend) befindet sich daneben:

Die Umkehrung von AV zu VA ist in beiden BI vorhanden.

3.      Wenn nun einerseits VALE in ausgeschriebener Form die BI abschließt, andererseits SD für SALUTEM DICITer grüßt keinen Anrede zuläßt, wird man für VA an eine allgemeine geometrische und numerische Bedeutung denken und diese Form parallel zu ANOdurch den Ring als Ablative deuten.

Symbolisch gewinnt VA Bedeutung, wenn man sie auf die zwei gegenstrebigen Tetraktys bezieht:

In ihrer Gestalt sind die beiden Dreiecke gleich, aber in ihrer Verschränkung ergänzen sie sich gegenseitig zu einer Ganzheit. So können sie ein Sinnbild für die innere Gemeinschaft von zwei oder mehr Menschen sein, die sie sich beim Gruß AVE wünschen und die beim Abschied VALE andauern möge bzw. durch inschriftliches VA in Erinnerung gerufen werden soll.

Dennoch muß eingeräumt werden, daß das Nebeneinander von VA und SD ungewöhnlich, einmalig und schwer zu begründen ist. Ohne gematrische Stützung der 25 Buchstaben müßte man die Vorstellung ihrer sorgfältig erdachten Zusammengehörigkeit aufgeben. Auch die Initialen SD sind inschriftlich eher selten anzutreffen.

Für das ungewöhnliche Nebeneinander der beiden Grußformeln lassen sich zwei formale Sinngründe anführen: Den zweimal zwei Buchstaben VA SD entsprechen vier Buchstaben von VALE, und die 3+3 Wörter werden in anderer Weise aufgeteilt. Die ZW der drei Wörter sind 21+22+37 = 80. Somit hat jeder der 8 Buchstaben den durchschnittlichen ZW 10.

Zu VA s.a. weitere Zusammenhänge

4.      Ein Ring besteht aus einer Kreisfläche, die von einer größeren und einer kleineren Kreislinie begrenzt wird. Dies ist bei den beiden Tetraktyskreisen der Fall:

Der Heilgott Äskulap wird mit einer CORONA TORTILIS dargestellt, mit einem gewundenen Kranz auf dem Haupt, die Herkunft könnte der Tetraktysstern sein:

Marmorbüste des Aesculapius mit corona tortilis, späthadrianisch

Dieser "textile Wulstkranz" konnte allerdings auch von Priestern und "zum Symposion Gelagerten" getragen werden. (Erika Simon, Die Götter der Römer. Hirmer 1990, S. 23; daraus auch vorstehende Abbildung)

Die Ringvorstellung von ANO geht besonders aus den gematrischen Werten der Grundform ANUS hervor.

5.      Von einem Kreis umschlossen kann man sich auch die Mittelbasis des Oktaeders vorstellen, die durch 4 Kanten gebildet wird. Nun bestehen die Wörter PATER NOSTER, wie der Name AESCULAPIUS, aus 11 Buchstaben, die man zweimal in ein Doppelrautenkreuz eintragen kann, indem man Punkte und Flächen besetzt; das N des Mittelpunktes steht nur einmal zur Verfügung:

 

Besetzt man die Querlinien mit den verbleibenden A und O, läßt sich mit dem N des Mittelpunktes das Wort A N O bilden. Bei der Zusammenfügung des Doppelrautenkreuzes zu einem Oktaeder wird das N zur unteren Spitze, während die untere Raute nach oben gebogen wird. Dabei werden auch die Buchstaben umgekehrt. Dies wollte der Schreiber vielleicht durch das umgekehrte T anzeigen und durch Rückwärtslesung das Wort TONA bilden. Das O und das A stehen sich dann räumlich auf der Mittelbasis des Oktaeders gegenüber.

Links neben dem A steht ein T, das der Schreiber in dem Dreieck oberhalb des SQ weniger deutlich einritzte und damit auch ein A kennzeichnete. Die zweimal drei Buchstaben TOE und SAT haben jeweils die ZS 38, d.h. OE und SA haben den ZW 19 des T. Auf diese Weise entsteht eine inhaltliche Assoziation zu den 4 T des TENET-Kreuzes. Die FS der sechs Buchstaben ist mit 61 zudem die ZS eines einzelnen TENET. 61+76 ist auch die FS der Mittelpunktwörter

 

ZS

FS

sm

TENET

61

61

122

S+SAVTRAN

107

76

183

 

 

137

 

Deren Summe 137 ist auch die FS der neun durch 11 teilbaren Zahlen von 11-99: 99+38 = 137.

Durch das zweite PATERNOSTER verdoppelt sich die ZS 76 der Mittelbasis auf 152.

Da die Buchstaben ST des PN-Kreuzes von rechts nach links eingetragen sind und das A zum Schluß hinzukam, könnte der Schreiber dazu motiviert gewesen sein, ein T und damit auch die Form eines A in das Dreieck leicht einzuritzen, um das darüber befindliche S zur Silbe SAT zu verbinden.

Zu weiteren Gesichtspunkten der Silbe TAS siehe den Nachtrag Das Dreieck und vier Punkte und Die Bedeutung des Delta.

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Die 6 Buchstaben der Mittelbasis lassen sich zum Wort TOSTAE umgruppieren. In einer einzigen Stelle der klassischen Literatur verwendet diese Wortform Ovid in Met. 11, 119/120:

gAVdenti mensAs posVere ministri/ (345+249)

ExstrVctAs dApibVs nec TOSTAE FRVGIS egentes. (456+333)

Dem sich Freuenden stellten die Diener Tische auf,

die mit Leckerbissen gefüllt waren und denen Röstbrot nicht fehlte.

Gemeint ist der legendäre König Midas aus Phrygien, der sich von Dionysos gewünscht hatte, daß alles, was er berührte, zu Gold werden sollte. Daß davon auch die Speisen betroffen sein könnten, daran dachte er nicht. Das Wort AVRUMGold mit dem Rautenmuster der Buchstaben AV wird Ovid veranlaßt haben, das Anagramm zu verwenden. Er macht den Beginn der Assoziation mit GAVDENTI und wechselt mit A und V stets gleichmäßig ab, wobei das dritte von fünf Paaren die Umkehrfolge VA aufweist.

In der ZS 456 ist die ZS 152 der Mittelbasis des Oktaeders dreimal enthalten. Die FS 61+52 = 113 von TOSTAE FRUGIS entspricht den ZS von TENET OPERA – er hält seine Werke. 113 ist auch die ZS+FS 70+43 des Wortes AVRUM.

Ovid erzählt die Geschichte von Midas und seine Goldgier nicht nur im 11. Buch, womit er das A und V der 11 Rautenelemente berücksichtigt, sondern wählt für das Wort TOSTAE die Zeilenzahl 120, die aufgeteilt in 1 und 20 die Buchstabenpositionen des A und V ausdrücklich hervorhebt.

Das PATERNOSTER-Kreuz kann mit zwei oder einem N als Symmetriemittelpunkt gelesen werden. Im ersteren Fall ist die ZS 286 = 2*11*13, im letzteren 273 = 21*13. Ovid hat die Häufigkeit der Buchstaben für PATER und NOS so berechnet, daß die Ergebnisse den beiden Sichtweisen entspricht:

 

P

A

T

E

R

sm

N

O

S

sm

GS

ZW

15

1

19

5

17

57

13

14

18

45

102

Hfk.

2

5

7

10

4

28

5

2

10

17

45

ZS

30

5

133

50

68

286

65

28

180

273

559

Auf der Basis der angegebenen Häufigkeit ergeben sich folgende ZS+FS:

 

ZS

FS

sm

PATER

286

272

558

NOSTER

524

414

938

 

810

686

1496

1496 = 8*11*17=136*11

Das ZS+FS-Ergebnis zeigt, wie ein einzelnes PATERNOSTER (143+121 = 3*8*11), selbst Teilbarkeit durch 11. Die Zahl 8 kann sich auf die 8 Flächen des Oktaeders beziehen. Die äußeren Elemente eines Oktaeders (=ohne Volumen) betragen 26, eine einzelne Hälfte 17. Die ZS 102 der 8 Buchstaben des SQ können also als drei Oktaeder verstanden werden, die zustande kommen, wenn sich jede Doppelraute mit jeder verbindet.

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6.      Zweifelsohne geben die 11 Elemente der Raute – als Grundlage der Oktaederbildung – in den Kombinationen 3+8, 4+7, 5+6 und ihren Umkehrungen den Doppelaspekt von 5 DM- und 6 Radialelementen wieder. Die Raute zeigt die Buchstaben A und V als Grundmodell. Im PATER NOSTER Kreuz werden Kreisachse und Raute darin miteinander verbunden, daß in zweistelliger Zusammensetzung der 11 Elemente die drei Achsen des Hexagon durch 3*38 = 114 und 3*47 = 141 Umkehrungen ergeben, die, in 1+14 und 14+1 aufgeteilt, den Buchstaben A und O entsprechen. Die FS des SQ beträgt 249 = 3*83 und ist so ebenfalls mit den drei Hexagonachsen assoziiert:

7.      Wenn die ZS 286 der beiden BI der ZS von zweimal PATER NOSTER entspricht, weiß sich der Schreiber umschlossen von göttlichem Schutz. Er grüßt den Schöpfer mit symbolischem AV und betritt durch eines von vier T wie durch das Tor eines Tempel das SATOR-Quadrat. Er verläßt es wieder mit der göttlichen Zusage, daß es ihm im Zeichen des Ringes oder Kreises wohlergehen werde.

VI. Gematrische Eigenschaften des AESCULAPIUS

1.      Es hat sich bisher gezeigt, daß die Begleitinschriften (BI) und das SATOR–Quadrat (SQ) eine Einheit bilden, die gematrisch besonders durch die Zahlen 11 und 19 bestimmt wird. Beide Zahlen haben eine bedeutende Grundlage im Namen des Heilgottes AESCULAPIUS selbst:

       Das L als 11. Buchstabe bildet den Symmetriemittelpunkt sowohl des Namens als auch der 21 Buchstaben des (ursprünglichen) lateinischen Alphabets. Im Wort VALE empfiehlt der Sprecher den Abschied Nehmenden dem Schutz des Heilgottes.

       Der Name AESCVLAPIVS enthält je zweimal die Symbole AV für den Oktaeder und S für die Schlange.

2.      Die Zahlenwerte ZW der einzelnen Buchstaben sind:

 

A

E

S

C

V

L

A

P

sm

I

V

S

sm

 

ZW

1

5

18

3

20

11

1

15

74

9

20

18

47

121

FW

1

5

8

3

9

11

1

8

46

6

9

8

23

69

 

 

 

 

 

 

 

 

 

120

 

 

 

70

190

Die ZS 121 selbst = 11*11 kann als S-förmige Umkehrung gesehen werden. Die 11 Buchstaben des Namens haben den durchschnittlichen ZW 11.

Aufgeteilt in 8+3 Buchstaben, bilden die ZS 74 und 47 Umkehrungen, die in ihren Einzelziffern bereits als DM- und Radialelemente der Kreisachse genannt wurden:

Die Endung –IUS ist Kennzeichen des römischen Gentilnamens z.B. IUL-IUS, IUN-IUS, CLAUD-IUS, OCTAV-IUS. In ihrer Rückwärtslesung SUI gibt sie die Leserichtungen des SQ als zwei Aussagen von je drei Zeilen an.

Die FS 69 ist die ZS von SATOR. Die Tatsache, daß die ZS von SATOR AREPO ebenso wie von AESCULAPIUS 121 beträgt, versetzt AESCULAPIUS in eine enge Beziehung zum SQ, indem die ZS 121 aufgeteilt ist in die FS 69 und die Differenzsumme 52, die der ZS von AREPO entspricht. In Rückwärtslesung bedeutet ROTAS OPERA Du hältst deine Werke in Bewegung.

Die 8:3 Buchstaben teilen die FS 69 in das Verhältnis 46:23 = 2:1 auf. Da 46 die ZS für VIR und FEMINA ist, verdient der Gott von beiden Geschlechtern Vertrauen.

Die ZS+FS 190 verleiht der Zahl 19 ihre Bedeutung in den drei Inschriften.

3.      Ein weitere Umkehrung zeigen die ZS der Vokale und Konsonanten:

 

A

E

V

A

I

V

sm

S

C

L

P

S

sm

GS

ZW

1

5

20

1

9

20

56

18

3

11

15

18

65

121

Stellt man den Umkehrungen die Buchstabenzahl voraus, ist jede Zahl eine S-förmige Umkehrzahl: 6-56, 5-65. Es erscheint als ein seltsamer Hinweis des Schicksals, daß die beiden Archäologen, die dieses SATOR-Quadrat maßgeblich wissenschaftlich bearbeitet und veröffentlicht haben, in den Jahren der ZS-Umkehrungen gestorben sind: Della Corte 1956, Merlin 1965.

Ein Verhältnis von 10:9 ergibt die ZS+FS von ungeraden und geraden Buchstaben:

 

A

S

V

A

I

S

sm

E

C

L

P

V

sm

ZW

1

18

20

1

9

18

67

5

3

11

15

20

54

FW

1

8

9

1

6

8

33

5

3

11

8

9

36

 

 

 

 

 

 

 

100

 

 

 

 

 

90

Das Differenzverhältnis 33:34 der ersten Summe besteht aus zwei angrenzenden Zahlen, das der zweiten aus einem Teilbarkeitsverhältnis 36:18 = 2:1. Die FS ergeben angrenzende Verhältniszahlen 3*(11:12). Sie lassen sich auf drei numerierte Kreisachse beziehen:

TEIL2: Weitere Deutung des pompejanischen SATOR-Quadrats

Diese Ausführungen stammen aus dem Jahr 2009. Es wird das Anagramm SANATURO NAVALE eingeführt und näher untersucht. Ein dem SQ vergleichbares Buchstabenquadrat wird rekonstruiert.

TEIL3: Der Rahmentext – eine pompejanische Eigenschöpfung

Untersucht werden die gematrischen Eigenschaften des Wortes POMPEII und in Bezug zu den Begleitinschriften gesetzt. Hinzukommen einige Nachträge.

TEIL4: Drei Oktaeder aus dem SQ und den Begleittexten

Die Zahl 19 erweist sich weiterhin als gemeinsame Grundlage des SQ und der beiden Begleittexte.

TEIL5: SAUTRAN und das PATERNOSTER-Kreuz:

Behandelt wird das Prinzip von 1 und 2 Mittelpunkten des PN-Kreuzes. Die ZS+FS von SAUTRAN und NOSTER sind gleich; Aufteilung und Bedeutung von NOS-TER.

TEIL6: POMPEII als Modell der zentralen Konstruktionsidee

Erweitert und vertieft TEIL3.

 

Erstellt: August 2012

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